Ein Unfall bringt sie zusammen, doch der wahre Zusammenstoß geschieht im Unsichtbaren.
Suki ist sechzehn, trotzig, verletzlich, komisch – und verloren. Sie treibt durch Berlin. Anna Fischer, ihre Lehrerin, versucht, eine Vergangenheit unter Verschluss zu halten. Zwischen beiden entsteht eine fragile Nähe, die für einen Moment die Kälte der letzten Dezembertage unterbricht.
Eine moderne Parzivalgeschichte über Verlust, das Bleiben trotz Bruchstellen und die stille Hoffnung, gesehen zu werden – in einer Gegenwart, in der Überforderung, Einsamkeit und Zukunftsmüdigkeit längst zum Grundrauschen geworden sind.
»Salih Jamal verbindet philosophische Tiefe mit sinnlicher Bildkraft und erschafft Geschichten, die zeitlos und hochaktuell wirken, ohne ihre Leichtigkeit und literarische Eleganz zu verlieren.«
Hauke Harder – BUCHHANDLUNG ALMUT SCHMIDT
SUKI erzählt die Geschichte einer Lehrerin und Ihrer Schülerin zur Weihnachtszeit. Suki ist sechzehn Jahre alt. Ein Alter, in dem andere sich definieren, abgrenzen, ausprobieren. Sie hingegen driftet. Zwischen Wut und Sehnsucht, Rückzug und Übermut, Trotz und Verletzlichkeit. Psychologisch trägt Suki ein unsicher-vermeidendes Bindungsmuster:
Sie wünscht sich Nähe, fürchtet sie aber zugleich. Ihre Erfahrungen (das emotional instabile Elternhaus mit einer überforderten Mutter) haben sie gelehrt, dass Vertrauen gefährlich ist. Sie hat gelernt, Gefühle zurückzuhalten, sie durch Ironie oder Distanz zu tarnen, und gleichzeitig lechzt sie danach, gesehen zu werden. Ihr Körper ist Spiegel ihrer Innenwelt: dünn, kantig, kaum gegen das Leben gewappnet. Besonders ihr halbasiatisches Aussehen verstärkt ihre Entfremdung: Suki fühlt sich weder hier noch dort zugehörig, als würde sie immer außerhalb der Welt stehen, die sie so dringend sucht.
Ihre Essgewohnheiten schwanken zwischen Verweigerung und Willkür. Ein Ausdruck ihres Kontrollverlusts, der kompensiert werden soll sind die Zuckertütchen, die sie wie Beruhigungstabletten konsumiert. Stille Rituale gegen die innere Unruhe. Ein Steinwurf ist ihr Wendepunkt. Eine unkontrollierte Handlung, die doch eine verzweifelte Form der Kommunikation ist. Sie sucht durch Aggression, durch Grenzverletzung nach Resonanz, nach einer Reaktion, nach jemandem, der ihre Wut aushält. Sie denkt, sie handelt aus Rache, in Wahrheit handelt sie aus Einsamkeit.
Ihre Lehrerin, Anna Fischer, Anfang dreißig, ist eine Frau, die vieles in sich eingeschlossen trägt. Ihre äußere Erscheinung ist kontrolliert, ruhig, beinahe unnahbar. Doch unter dieser Oberfläche liegt eine Vergangenheit, die sie nie ganz verlassen hat: ein verlorenes Kind und eine gescheiterte Beziehung. Sie ist emotional erschöpft und führt ein Leben, das von verlässlicher Professionalität geprägt ist. Eine Haltung, die sie ebenso schützt wie einsam macht. Sie gehört zur Generation derer, die funktionieren. Verlässlich, pflichtbewusst. Sie begegnet der Welt mit aufmerksamem Blick, stellt kluge Fragen, doch zeigt kaum etwas von sich. Gefühle, so scheint es, sind bei ihr geordnet, abgeheftet und verschlossen.
Ein Unfall, bei dem sie Suki auf dem Weg zur Schule morgens mit dem Auto anfährt, wird zum Auslöser einer Verbindung, die sich jeder pädagogischen oder therapeutischen Zuschreibung entzieht. Aus der Konfrontation wächst etwas, das beide nicht benennen können: eine stille Verbundenheit, die ihnen erlaubt, ihre Einsamkeit wahrzunehmen, ohne sie erklären zu müssen. Während draußen der Schnee fällt, die Straßen sich leeren und Weihnachten vor der Tür steht, entwickelt sich zwischen der Jugendlichen und ihrer jungen Lehrerin eine fragile Nähe. Sie sprechen kaum darüber, sie teilen Blicke, kleine Gesten, halbe Sätze. Doch in diesen Zwischenräumen entsteht etwas, das größer ist als alle Worte. Frau Fischer (mit dem angelehnten Namen der Parzival Sage / König der Fischer) ist nicht die typische „Retterin“. Sie analysiert nicht. Sie therapiert nicht. Aber sie bleibt. Und genau das macht sie zu einer stillen Verbündeten. Ihr Verhalten Suki gegenüber ist geprägt von einer emotionalen Klarheit. Sie stellt keine Forderungen, sie stellt Raum zur Verfügung. Ihr leises „Ich weiß“ ist keine Pädagogik, sondern eine Geste der Würde. Sie hält aus, ohne zu überrollen. Ihre Fürsorge ist radikal leise, und gerade deshalb heilsam. In der Begegnung mit Suki öffnet sich Anna Fischer nicht vollständig, aber ein Stück weit. Und das genügt. Für Suki und für sie selbst.
Am Ende gibt es keine großen Gesten und kein lautes Happy End. Aber ein vorsichtiges Einverständnis, das genug ist, um die Angst vor der eigenen Verletzlichkeit zu überwinden. Was sie rettet, ist nicht Moral, sondern Resonanz. Diese stille Präsenz öffnet erstmals einen Raum, in dem sich beide nicht erklären müssen. Nähe wird möglich. Nicht als Heilung, sondern als erste Form von Vertrauen.

Textprobe Kapitel 1-2


SALIH JAMAL hat seine Wurzeln in Palästina. Er lebt und arbeitet in Düsseldorf.
Seine bisherigen Veröffentlichungen: Vor der Nacht (Leykam, 2024), Blinder Spiegel (2022) und Das perfekte Grau (2021), beide Septime. Letzterer erreichte einen Platz auf der Hotlist für die zehn besten Bücher unabhängiger Verlage.














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