1
18. Dezember
Die Uhr über der Tür tickte einen schläfrigen Takt. Er mischte sich mit dem Summen der Heizung und dem leisen Kratzen von Kreide auf der Tafel. 13:37 Uhr. Noch genau 23 Minuten bis zum Gong.
In der letzten Reihe saß Suki. Hinter den Tischen und Köpfen der anderen konnte sie alles sehen, ohne dass jemand sie sah. Sie beobachtete den Schnee, der wie feiner Puder vom Himmel fiel. Im Klassenraum war es warm, fast stickig, die Luft war erfüllt von dem metallischen Atem der alten Heizkörper und dem süßen Duft einer Mandarine, die irgendwo geschält wurde. Suki kannte diesen Zustand: Die Zeit wurde weich, alles floss in Schlieren auseinander. Kritzelnd zeichnete sie Galgenmännchen in ihr Buch und dachte über Lehrer nach. Jeder ein Klischee. Die Autoritären: Befehle, Urteile. Die Demokraten: endlose Verhandler, als wartete die Welt auf die Meinung einer gelangweilten Sechzehnjährigen. »Was meinst du, Suki?« Die Missionare und die Empathischen: sanfte Stimmen, Trost, den keiner wollte. Oder die Lockeren, die irgendwann jede Kontrolle verloren. Die Distanzierten und die Gleichgültigen waren wenigstens ehrlich. Da wusste man Bescheid. Aber die schlimmsten waren die Kumpelhaften: Ihr Fehler war das Dazugehörenwollen.
Sukis Stift schwebte über dem Mathebuch. Jetzt malte sie kleine Messer neben die Galgenmännchen. Wie sie Frau Fischer einordnen sollte, darüber war sie sich nicht im Klaren. Die Lehrerin stand vorne und schrieb mit Kreide eine Gleichung an die Tafel. Ein Geheimnis umgab sie. Vielleicht wegen des Porsches, mit dem sie morgens vorfuhr. Frau Fischer war schmal, fast dünn, beinahe wie Suki selbst. Nichts an ihrem Äußeren stach hervor. Wenn sie ihre braun-blonden Haare nicht gesteckt hatte, umrandeten sie ihr Gesicht. Ihre große Brille mit dicken, leicht zerkratzten Gläsern schien wie eine Barriere zwischen ihr und der Welt. Die Kleidung war stets ordentlich, wenn auch unauffällig. Alles an ihr war praktisch, funktional. Wenn Suki genauer hinsah, bemerkte sie winzige Stopflöcher und abgewetzte Fasern; trotzdem hatte sie den Eindruck, als läge darin eine leise, fast widerwillige Eleganz. Ihre Bewegungen waren ruhig, ihr Blick zugleich wachsam und müde. Die Stimme der Lehrerin: weich, beinahe schüchtern. Die Tafel mit all den mathematischen Formeln war oft voller bunter Skizzen und feiner, fast poetisch anmutender Notizen. Doch davon verstand Suki nichts.
Die Worte der Lehrerin schwebten über sie hinweg. Suki hörte sie, aber sie griffen nicht. Ihre Gedanken rutschten zurück zum Fenster, zu den Bäumen draußen, die sich kahl und ausgetrauert in der kalten Luft bogen. Und in ihrem Herzen brannte eine leise, unerbittliche Wut. Zweimal schon hatte sie Klassen wiederholen müssen, und jedes Mal fühlte es sich an wie eine Demütigung, ein weiteres Kettenglied, das sie an diesen Ort fesselte, der ihr nichts beibrachte außer, wie man sich klein macht. Sie war älter als ihre Mitschülerinnen, die mit ihrer brüchigen Kicherwelt und sorglosen Haarsträhnen nichts mit ihr zu tun haben wollten. Ihre Gesichter verschwammen für sie zu einem Brei aus Ignoranz und Eintönigkeit. Mädchen, die immer wussten, wann sie die richtige Antwort geben mussten, und die es offenbar genossen, den Lehrern zu gefallen. Mathe war nur der Anfang, eigentlich stand Suki in allem auf einer glatten 5. Wenn sie ein Buch aufschlug, waren die Wörter wie kleine Feinde, die sie verspotteten. Die Seiten selbst schienen zu stöhnen, genervt, dass sie sie überhaupt aufzuschlagen wagte.
Die Symbole, die Frau Fischer unaufhörlich auf die Tafel malte, erschienen zuerst klar, streng wie Zinnsoldaten, doch je länger Suki hinsah, desto mehr verschwammen sie und ihre Kanten wurden weicher und kräuselten sich wie Rauch. Bald waren es keine Zahlen mehr, sondern geschwungene Linien, die in Spiralen tanzten und schließlich ganz verschwanden. Suki blinzelte und spürte, wie sich ihr Denken löste. Sie stellte sich vor, wie sie durch den Schnee lief, ihre Fußspuren hinterließ, die Luft kalt und klar in ihrer Kehle, und wie die weißen Flocken auf ihrer Haut schmolzen und sie piekten. Die Stimmen ihrer Mitschüler, das dumpfe Geräusch eines Stuhls, der über den Boden rutschte, klangen ihr fern. Frau Fischer sprach weiter, doch die Worte waren nicht mehr als ein Flüstern im Hintergrund. Suki war jetzt woanders.
»Suki?« Die Stimme riss sie zurück. Es war Frau Fischer. Ein müdes Lächeln streifte Suki kurz, bevor es wieder weg war. Suki rieb sich kurz über die Lider. Zwang die Augen scharf und versuchte, den Rest der Gleichung zu erkennen, doch die Linien waren immer noch verschwommen, unwillig, eine feste Gestalt anzunehmen.
»Und? Was ist die Lösung, Suki?« Frau Fischer stand vor ihr und sah sie mit einer Neugier an, als könne Suki ihr im nächsten Moment die letzte Ziffer von Pi verraten.
»Keine Ahnung«, antwortete Suki mit flacher Stimme. Ihre Augen waren eine stumpfe Wand. Sie lehnte sich zurück, die Arme vor der Brust verschränkt, und ließ die Antwort ins Leere tropfen. Ein Kichern von der anderen Seite des Zimmers. Die Lehrerin zog die Lippen zusammen.
»Vielleicht solltest du aufpassen, Suki.«
Suki hob die Schultern, langsam, absichtlich.
»Vielleicht sollten Sie mich einfach nicht fragen«, sagte sie, und ein winziges, freches Grinsen blitzte über ihr Gesicht. Eine kleine Flamme in einer Welt ohne genug Luft. Luft.
2
18. Dezember
Im Flur war der Lärm noch gedämpft, ein dumpfes, sich näherndes Brummen hinter Wänden und Glas. Dann stieß Suki die Tür zum Schulhof auf. Die Geräuschwand knallte ihr abrupt und unerbittlich entgegen. Stimmen, Schritte, Lachen, Rufe, alles auf einmal, ungefiltert, wie auf Anschlag gedreht. Suki spürte, wie sich ihre Muskeln spannten, um einem Druck standzuhalten, der nirgends saß. Sie verharrte da, mitten im Lärm, und kam sich vor wie ein Stein im Flussbett, während das Wasser unaufhörlich an ihr vorbeiströmte.
Der Schnee fing an, sich in Matsch zu verwandeln, und die Ugg-Boots ihrer Mitschülerinnen sahen aus wie nasse, dreckige Sauerteigbrote, die unten an ihren Beinen klebten.
»Wir fahren nach Österreich zum Skifahren«, kreischte Lea, rotbackig wie ein Apfel im Fieber. »Mit Kamin und allem Drum und Dran!«
»Das klingt so toll!«, sagte Mia, während sie sich die Handschuhe zurechtzog. »Wir feiern zuerst bei meiner Mutter und dann bin ich bei meinem Vater.« Leicht genervt machte sie eine gespielte, abwehrende Handbewegung in die Luft. Suki hatte das Gefühl, alle erwarteten irgendetwas Großartiges, und sie tauschten ihre Pläne wie Geschenke aus, die sie einander unter den Weihnachtsbaum legten. Suki nickte an den richtigen Stellen, ihre Hände tief in den Taschen vergraben.
Neben ihr stand Margarete Meier, genauso stumm wie sie. Niemand nannte sie so. Sie war MenschMeier. Seit der siebten Klasse, als ein Lehrer einmal »Mensch, Meier! Das kann doch nicht sein!« gesagt hatte. Und das war es dann gewesen. Kein Spitzname, den sie sich ausgesucht hatte. Nur ein Etikett, das an ihr kleben blieb. MenschMeier war ein Sonderling. Wie Spooky Suki. Aber das trauten sich die anderen nicht, ihr ins Gesicht zu sagen. Suki wusste es trotzdem. So stand sie wie ein Schatten neben Suki, ohne sich aufzudrängen. Suki wusste, dass sie und auch MenschMeier zu den Freaks und den Nerds gehörten, die sich wie Staubflusen an den Rändern fanden. Sie waren nie beste Freundinnen gewesen. Sie trafen sich nicht nach der Schule, sie schrieben sich keine Nachrichten, sie redeten oft tagelang nicht miteinander. Aber dieses kleine Mädchen mit den zu großen Klamotten war immer irgendwo in der Nähe, das Handy in der Hand, ohne dass sie wirklich etwas las. Als würde sie nur so tun, damit niemand sie ansprach.
In den Klassen-WhatsApp-Gruppen war Suki ohnehin nie wirklich dabei. Für das kindliche Hin und Her ihrer Mitschülerinnen hatte sie nichts übrig. Als sie, nachdem sie wieder einmal eine Klasse wiederholt hatte, dort von irgendwem als »geistig zurückgeblieben« bezeichnet wurde und dazu noch ein Hentai-Clip die Runde machte, stieg sie ganz aus der Gruppe aus. Dem Jungen, von dem das ausgegangen war, lauerte sie nach der Schule auf und gab ihm zwei harte, wortlose Ohrfeigen. Seitdem hatte sie weitgehend Ruhe. Aber ganz entziehen ging sowieso nicht. Über all diese Kanäle liefen täglich Hunderte Nachrichten, und die Angst, etwas zu verpassen, zog auch an ihr, ob sie wollte oder nicht. Es gab immer andere Gruppen, in denen dieselben Mitschüler unterwegs waren, und in manchen blieb Suki. Als stille Leserin. Für die anderen in der Schule waren die beiden wie Peppermint Patty und ihre Freundin mit der großen Brille. Rage Girl und die Unsichtbare. Was sie aber besonders unterschied, war, dass die meisten Schülerinnen darauf bedacht waren, sich nicht peinlich zu verhalten. MenschMeier schob die Hände in ihre Jacke. Ihre Mutter hatte sie auf dem Flohmarkt gekauft. Seit der achten Klasse war MenschMeier nicht mehr gewachsen.
»Und du, Suki? Was machst du an Weihnachten?«, fragte schließlich jemand, eine beiläufige Frage, die nicht wirklich nach einer Antwort verlangte. Suki spürte: Da würde keiner nachhaken.
»Ach, nichts Besonderes.« Sie bemühte sich, die Stimme leicht zu halten. »Einfach ein bisschen Zeit mit meiner Oma. Ganz ruhig.«
Sie lächelte wieder, das gleiche höfliche, perfekte Lächeln, bevor das Gespräch der Mädchen im Fortgehen weiterging. Die Gruppe zog los. Weihnachtsmarkt oder sonst wohin.
»Ich hab gehört, da draußen lauert das Leben«, sagte MenschMeier und starrte auf die matschigen Ugg-Boots der anderen. Suki lachte leise.
»Was?«, sagte MenschMeier. »Warum stehst du hier?«
»Warum stehst du hier?«
Suki verzog den Mund: »Fairer Punkt.«
Eine Weile sagten sie nichts. Es war nicht unangenehm, nur eine Stille, die sich zwischen ihnen hielt wie eine dritte Person, die einfach mit im Kreis stand. Suki trat mit der Schuhspitze gegen einen Schneeberg.
»Vergiss es.«
MenschMeier schwieg. Dann sagte sie: Okay.« Sie zündete sich eine Zigarette an und bot Suki auch eine an.
»Ich rauche nicht«, winkte Suki ab. Stattdessen fingerte sie einen 2er-Pack Würfelzucker aus ihrer Jacke, steckte sich beide Stücke in den Mund und lutschte daran. Das Papier verschwand wieder in den Tiefen ihrer Taschen.
»Ich auch nicht«, antwortete MenschMeier. »Ist nur Deko. Warum lutschst du eigentlich die ganze Zeit Zucker?«
Suki schnaubte. Dann zog sie die Kapuze über den Kopf.
»Beruhigt mich«, sagte sie.
»Verstehe«, antwortete Meier. Dann grinste sie. »Zucker ist raffiniert«
»Ich geh nach Hause.«
MenschMeier nickte, nahm einen Zug, hustete leise. »Bis dann.«
»Bis dann.«
Als Suki den Hof verließ, fiel ihr Blick auf den Himmel, der ohne Horizont grau und schwer hing. Weihnachten, dachte sie, ist doch nur ein Tag. Ein Tag wie jeder andere. Und trotzdem spürte sie darunter etwas, das sich nicht wegreden ließ: eine komische Art von Sehnsucht nach etwas, das keine Ränder hatte, weit entfernt, wie der Himmel über ihr. Auf dem Weg nach Hause quietschten ihre Schuhe bei jedem Schritt, ihr Atem kam in kleinen Wolken, und sie zog dieses Gesicht hoch, an dem Blicke abprallen sollten. Der feine Schnee war in Regen übergegangen, und für einen Moment fühlte sich alles schärfer an. Es dämmerte schon; es schien, als hätte jemand das Licht runtergedreht und die Stadt vergessen. Weihnachten war nicht ihr Ding. Nicht dieses ganze festliche Zeug mit Besinnlichkeit. Die Straßen waren wie leergefegt, bis auf ein paar Gestalten, die weitergingen. Ein Typ mit einem Hund, der an jeder Ecke schnüffelte, und eine Frau mit einem Pappbecher Kaffee. Alles fühlte sich an wie ein Film auf halber Geschwindigkeit, in dem die Hauptfigur nicht auftaucht, während die Komparsen stumm durch Kulissen schleichen.
Kurz dachte Suki an Weihnachten mit ihren Eltern. Ein Bild, das sie lange nicht mehr angeschaut hatte. Plätzchen, die ihre Mutter gebacken hatte, und das Lachen ihres Vaters, das immer ein bisschen zu laut war. Es war schön gewesen, wirklich, aber es lag so weit zurück, dass es fast einem anderen Leben entstammte, und das war es ja auch. Erinnerungen, die ihr das Herz warm machten, die sie aber auch gleichzeitig nicht zu oft anschauen wollte.
Auf dem Gehweg saß ein Obdachloser mit einer Decke um die Schultern und einem Schild vor sich, auf dem nur »Frieden« stand. Frieden, verdammt noch mal. Suki wollte stehen bleiben, ihm was geben, aber sie tat es nicht. Sie wusste nicht, warum. Vielleicht weil es zu viel bedeutete. Oder zu wenig. Alles um sie herum war irgendwie … egal. Die Gegend wurde ein bisschen lebendiger. Ein paar Autos rollten vorbei, klapperte eine Jalousie.
Endlich kam Suki zu Hause an. Sie ging aber weiter. Wenn sie lief, kamen die Gedanken nicht, und Nachdenken führte immer zu diesen Fragen, auf die es keine Antwort gab. Fragen, die sie fertig machten. Also ging sie noch einen Block, die Augen auf den Boden gerichtet, um niemanden ansehen zu müssen, der eh nicht da war. Vielleicht würde der Tag irgendwann vorbeigehen. Oder sie an ihm. Vielleicht gab es irgendwo einen Grund, stehen zu bleiben. Bis dahin lief sie weiter.
3
18. Dezember
Suki trieb langsam die Straße entlang. Der Regen streichelte ihr Gesicht. Sie ging die Schönhauser rauf bis in die Arkaden – so weit war sie gekommen. Die Stadt wirkte ausgebleicht, ihrer Farben beraubt. Nasse Bürgersteige, verschwommene Lichter, kalte Luft. Ein Geräusch ließ sie innehalten.
»Pssst.«
Sie zuckte zusammen, drehte sich um. Vor ihr stand eine Frau. Alt, aber nicht gebrechlich. Mit einem dunklen Mantel. Der Kragen bis zu den Ohren hochgeschlagen. Suki sah graue Haare, wirre Strähnen und diese Augen, die in dem nassen Licht wie kleine Münzen glänzten. »Du«, sagte sie leise, »willst du einen Mond kaufen?«
Suki starrte sie an. »Was?«
Die Frau grinste schief: »Einen Mond. Ich hab heute schon drei gesammelt.« Sie hielt ein altes Handy hoch, auf dessen Display milchige Fotos zu sehen waren. Alle von der bleichen Sichel am Himmel. »Man muss schnell sein. Sonst nimmt ihn dir jemand weg.«
Suki zog den Mund schief. »Ich hab kein Geld.«
Die Frau zuckte die Schultern. »Ich geb dir auch einen umsonst. Nur heute. Sonderangebot.«
»Danke«, entgegnete Suki, »aber ich hab schon genug Probleme.«
Die Frau nickte langsam. »Weißt du, was das Sonderbare am Mond ist?« Sie trat näher und senkte verschwörerisch die Stimme. »Er ist immer da. Auch wenn du ihn nicht siehst.«
Suki zog die Kapuze enger um den Kopf. »Wow. Tiefsinnig.«
»Du bist eine mit scharfer Zunge«, murmelte die Alte. »Pass auf. Die Welt mag das nicht.«
Wortlos beobachtete Suki, wie die Frau langsam, mit sich selbst redend weiterging. Dann hob sie den Kopf. Der Mond hing bleich zwischen den Wolken. Still. »Blöder Mond«, murmelte sie. »Ich wollte dich sowieso nicht.« Sie ging weiter, mit einem winzigen Lächeln, das für einen noch winzigeren Moment in ihrem Gesicht aufblitzte.
Suki schlenderte ziellos umher und erreichte die Bornholmer mit ihrer alten Eisenbrücke, die einmal Welten getrennt, getauscht und dann verbunden hatte. In der Mitte hielt sie an und schaute auf die Gleise, die sich im Irgendwo verloren. Schnell kramte sie in ihrer Jackentasche nach einer kleinen Zuckertüte und riss sie auf, ließ den Inhalt durch die Finger rieseln, bis hinter dem Geländer alles auf dem Weg in die Tiefe verschwand. Das hatte sie als Kind mit ihrem Vater getan. „Zucker auf die Züge“, hatte er gesagt. Denn das würde Glück bringen. Würde es das wirklich?
Zu Hause nahm Suki die Treppe, Stufe für Stufe bis zum vierten Stock. Der Flur empfing sie mit dem Geruch von Brühwürsten, schwer, salzig, aufdringlich. Ihr Magen zog sich zusammen. Sie hasste diesen Geruch. Ihre Gedanken wurden darin wie alte, verknotete Kopfhörerkabel.
In der Küche wartete ihre Großmutter. Sie saß auf ihrem Platz vor dem Tisch. Wie immer in der gleichen Haltung. Das Radio machte Musik. Sukis Oma war nicht so eine von diesen kleinen, krummen Hutzelwesen im Wickelkittel, die Keksdosen herumreichten. Nein, ihre Oma war eine andere Art von Frau, jemand, der sich immer noch mit einer Haltung an den Tisch setzte, bei der Suki jedes Mal dachte: Früher war sie größer. Sie hatte schwarz gefärbte Haare, die in kurzen Wellen über ihren Kopf lagen, und obwohl die Farbe oft unregelmäßig aufgetragen war und sich an den Haaransätzen ein Grauschimmer zeigte, hielt sie daran fest. Manchmal fragte sich Suki, ob das gegen dieses Verschwinden im Alter war, wenn man für die Welt schleichend unsichtbar wurde. Vielleicht war auch das der Grund, warum ihre Oma viel zu viel Blau um die Augen schmierte. Ein kühner, schimmernder Schatten, der nicht wirklich passte, aber das war ihr gleich. Ein Überbleibsel aus einer Zeit. Ihr Gesicht hatte diese scharfen Linien, die mit den Jahren nicht weicher, sondern nur tiefer geworden waren. Es war ein Gesicht, das einmal gelacht haben musste, vielleicht zu oft. Ihre Augen, tief und dunkel, hatten noch immer Funken. Ihre Kleidung war schlicht, aber nicht ohne Überlegung. Ein dunkler Pulli mit einem hohen Kragen und eine alte Hose, die immer perfekt gebügelt war. Sie trug ihre Sachen mit einer Art Würde. Suki hatte sie nie anders gekannt, und doch hatte sie manchmal das Gefühl, dass diese Frau am Küchentisch nur die Schattenlinie von jemand anderem war, einer Person, die sie nie wirklich getroffen hatte. Die ihr, wenn auch unbewusst, als Warnung erschien. Vielleicht war da einmal wer, der lebendig war, bevor sie an den Lebensrändern verschwunden ging. Und die, die blieb, war ihre Oma mit den schwarz gefärbten Haaren und den tiefen Augen, um die sie immer noch zu viel Blau herumschmierte, als wollte sie sich erinnern, wie man glitzert. So scharfkantig ihre Großmutter manchmal war, sie war da. Jeden Tag. Sie blieb. Sie verschwand nicht.
»Da bist du ja.«
Suki sagte nichts. Sie ließ ihre Schuhe im Flur stehen, Wasser rann von den Sohlen und bildete kleine Pfützen auf dem Linoleum. Sie beobachtete das Nass, wie es sich langsam ausbreitete, und dachte daran, wie das Leben manchmal genauso aus einem herauslief.
Der Dampf der dicken Brühwürste, die in einem Topf vor sich hin blubberten, stieg durch die Küche und verwandelte die kleinen Fenster in trübe Flächen, hinter denen der Regen draußen immer noch seinen monotonen Rhythmus schlug. Sukis Großmutter stand auf und ging zum Herd. Sie griff mit einer Zange nach den Würsten, drehte sie vorsichtig und fischte eine nach der anderen aus dem Topf, ihr Geruch pochte schmerzhaft hinter Sukis Stirn.
»Setz dich schon«, murmelte Großmutter.
Suki starrte auf das dampfende Kartoffelpüree, das vor ihr landete. Es war diese schneeweiße Sorte, aus der Tüte, der sie noch nie getraut hatte. Viel zu glatt, viel zu perfekt. Daneben lag eine der Brühwürste, glänzend und dick wie ein Ding, das aus einem Albtraum stammte. Sukis Oma setzte sich gegenüber und stieß einen Seufzer aus, in dem der ganze Tag zu liegen schien. Sie sah Suki an, ohne wirklich hinzusehen.
»Du sitzt rum, als ob die Welt dir was schuldet.«
Suki blickte unter ihrem Pony nach oben. Sie brauchte einen Moment. »Vielleicht tut sie das auch«, murmelte sie schließlich und kratzte weiter auf ihrem Teller.
»Vielleicht solltest du aufhören, darauf zu warten«, antwortete ihre Großmutter.
Eine Weile aßen sie schweigend, jede für sich. Suki stocherte mit der Gabel im Püree herum, nahm hin und wieder einen kleinen Bissen und versuchte, nicht an den Geschmack der Wurst zu denken.
»Hier«, sagte die Großmutter schließlich und suchte etwas in einem Beutel, der auf dem Boden neben dem Tisch stand. Sie zog ein kleines, sorgfältig eingewickeltes Päckchen hervor und schob es zu Suki. Das Papier war schlicht und billig, ein Muster aus roten und grünen Streifen, und die Ecken waren mit Tesafilm so festgeklebt, dass es beinahe unmöglich war, es ordentlich zu öffnen. Suki starrte es an, bevor sie die Schachtel langsam nahm und das Papier abwickelte. Zum Vorschein kam eine Taschenlampe, die einfach, aber robust wirkte, und ein zusammengefalteter Fünfzig-Euro-Schein, der darunter lag.
»Ist ein vorgezogenes Geschenk. Falls du im Dunkeln unterwegs bist. Und für … na ja, was auch immer.«
Suki blinzelte und nickte. »Danke«, murmelte sie. Sie wollte noch etwas sagen, etwas über die alte Zeit, aber die Worte blieben in ihrer Kehle hängen. Ihre Großmutter schwieg auch, draußen prasselte der Regen. Suki piekste mit der Gabel im Essen herum. Der Teller war warm, der Dampf roch nach etwas Verlässlichem, und trotzdem saß ihr das Kauen quer im Hals. Sie aß langsam, zu langsam, und während sie die nächste Gabel hob, liefen in ihr wieder diese Geschichte an, die sie vom Erzählen kannte, und ihre eigenen Erinnerungen.
Ihr Vater: Japan. Ihre Mutter: Charlottenburg. Zwei Wörter, die nie richtig zusammenpassten und in ihr doch ein Gesicht ergaben, ihres. Die Version, die ihre Mutter mochte, begann immer gleich: Sie hätten nicht gesucht, nur gearbeitet, Zahlen, Termine, Akten. Ein Bürokomplex, hatte sie gesagt, nüchtern, viel Glas, Neonlicht, und aus einem ersten Moment, und dann aus weiteren Momenten, war sie entstanden. Ihre Mutter hatte von einem Haus gesprochen, irgendwann, Wannsee, Brandenburg, diese weichen Worte, die nach Licht klangen.
Suki schob sich Essen in den Mund und dachte: Ja, klar. Ein gerader Weg, ordentlich gepflastert. So erzählte man das, wenn man nicht erzählen wollte, wie es wirklich war.
Dann kam Tokio. Zurückgerufen, hieß es. Am Anfang, hatte sie gehört, war sie tapfer gewesen. Tapfer, so ein Wort, das Erwachsene benutzen. Irgendwann war da ein anderer Mann in einer anderen Stadt, den ihre Mutter kennengelernt hatte. Es gab keine weiteren Erklärungen dazu.
»Nur kurz bei Oma«, hatte es geheißen. Zwei Koffer, ein Versprechen, bald nachholen, bald zusammen. Suki hatte damals genickt, weil Kinder nicken, wenn Erwachsene von »bald« sprechen. Aber jedes Mal, wenn sie die Wohnung ihrer Mutter betrat, war es, als wolle schon der Flur sie abweisen: der andere Geruch, die neuen Regeln, die niemand aussprach, die Art, wie der Mann Tassen hinstellte. Sie wollte ihre Mutter nicht teilen. Dieser Gedanke war hässlich, klein, kindisch, doch es war ja die Wahrheit. Wenn die Mutter lachte und das Lachen nicht ihr galt, wurde in Suki etwas hart. Wenn die Hand der Mutter wie nebenbei auf der Schulter des Mannes lag, brannte es. Dann wurde sie abweisend, bissig, manchmal gemein. Nicht, weil sie den Mann wirklich kannte. Sondern weil er ein Platz war, den sie nicht ertrug.
»Diesmal versuchen wir es«, »nur ein paar Wochen«. Immer wieder. Und immer wieder Tränen, Türen, Rückzug. Irgendwann war das »kurz« nicht mehr kurz. Es passierte nicht in einem klaren Moment, eher in vielen kleinen, in denen nichts entschieden und doch alles festgeschrieben wurde. Aus Monaten wurden Jahre. Suki blieb bei der Oma. Die Telefonate hatten am Anfang wehgetan. Sie hatte jedes Wort aufgesogen, jede Pause gefüllt. Später wurden die Sätze kürzer. Die Pausen länger. Die Stimme der Mutter klang irgendwie anders. Nicht falsch, nur weiter weg. Suki wusste irgendwann nicht mehr, welche Frage nicht wie ein Vorwurf klang. Aus »Ich liebe dich« wurde »Pass auf dich auf«. Dann »Wir hören uns«.
Sie erinnerte sich daran, wie sie einmal aufgelegt hatte, ohne zu warten, ob noch etwas kam. Kein Knall. Nur dieses Klicken.
Jetzt saß sie am Tisch und aß. Sie spürte den Geschmack nur halb. Als sie den Löffel anhob, sah sie einen kurzen Blitz ihres Gesichts im spiegelnden Metall: das Halbvertraute, das Halbfremde. Dieses »halbasiatische« Etwas, das sie nicht als ihres erkannte und das sie trotzdem jeden Tag tragen musste. Und dann ihr Name. Suki. Ein Name, der in ihrem Mund manchmal klang wie ein Gericht, nach Brühe, dünn, schnell vergessen.
»Warum setzen Menschen Kinder in die Welt? Warum hast du das getan?«, fragte sie unvermittelt. Ihre Stimme war scharf. Ihre Oma sah sie verwundert an. »Wir waren noch so jung damals«, sagte sie schließlich.
»Aber genau das ist es doch!« Suki fuhr auf, die Worte sprudelten aus ihr heraus. »Halbe Kinder machen Kinder, und dann kommt dabei jemand raus, der später auch nur halb ist. Verstehst du? Weil sie mit ihren Hormonen nicht klarkommen. Oder mit sich selbst.«
Ihre Oma blickte sie an, als suchte sie einen Weg durch das Chaos in Sukis Kopf, aber sie sagte nichts. Suki redete weiter, ihre Stimme voller Ungeduld und Anklage, mit Messer und Gabel in ihren Fäusten.
»Und dann sind sie da, die Kinder. Und keiner weiß, was er tun soll. Ich meine, vielleicht sollten Menschen erst mal mit einem Hund üben. Nein, warte. Mit einer Katze. Katzen sind besser. Die machen, was sie wollen, und damit muss man erst mal lernen, klarzukommen. Stell dir vor, alle müssten erst mal eine Katze haben, bevor sie ein Kind bekommen dürften.«
Ein schiefes Lächeln huschte über das Gesicht ihrer Oma, aber sie unterbrach nicht.
»Wenn ich mir all die Leute in der Schule ansehe«, fuhr Suki fort, »wie viele kaputt sind, verstehst du?«
Ihre Oma musterte sie lange, hilflos, ihre Hände waren ruhig, während sie ein Streichholz aus der Schachtel zog. Eines von den langen für die Teelichter. Suki sah ihr dabei zu und sie spürte, wie ihr eingezwängtes Herz gegen die Tischkante schlug. Sie war sich fast sicher: Ihre Oma hatte keine Ahnung, wie sehr das in ihr arbeitete – schon seit vorhin auf dem Schulhof mit den Mädchen, seit diesem ganzen Weihnachtsscheiß.
Schließlich sagte sie leise, fast beiläufig: »Vielleicht hast du recht, vielleicht auch nicht. Aber weißt du, Kind, manchmal macht man Dinge nicht, weil sie sinnvoll sind, sondern weil man sie hofft.«
Suki runzelte die Stirn, doch sie schwieg. Sie spürte den Blick ihrer Großmutter, schwer und alt, wie jemand, der längst akzeptiert hat, dass manches so bleibt, wie es ist. Ihre Oma lehnte sich langsam zurück, den Kopf leicht angehoben, ein schwaches Lächeln, das mehr Traurigkeit als Trost in sich trug. Suki fragte sich, ob ihre Oma in ihr schon lange etwas sah, das sie selbst nicht ausstehen konnte: diese verzweifelte Schärfe, dieses ständige Dagegensein. Und gleichzeitig sah Suki an der Oma auch das: dass sie selbst oft und ordentlich versagt hatte – und dass sie das wusste. Vielleicht aus Unachtsamkeit, vielleicht aus Überforderung, doch vor allem, und das stach am meisten, aus purem Egoismus. Vielleicht war sie auch wie ihre Tochter, die wiederum ihre Tochter verlassen hatte, obwohl sie sich ja kümmerte.
»Du wirst es verstehen, wenn du älter bist«, fügte ihre Oma schließlich hinzu. Sie hielt inne, ließ ihren Blick über den Raum gleiten, bevor sie mit einem Anflug von Bitterkeit und Resignation sagte: »Oder vielleicht auch nicht.«
Suki zog ihren Mund schief und drückte ihren Teller vor sich weg. Sie wusste, was jetzt kommen würde – sie wusste es immer. Ihre Großmutter würde bald aufstehen. Es war immer so an Abenden wie diesem. Sie würde sich ihre Jacke überziehen, die alte, mit dem abgewetzten Kragen, und ihre Tasche nehmen. Dann würde sie sagen, dass sie »noch mal runter« müsse. Sie sagte nie, wohin genau. Sie tat so, als wäre es einfach ein kleines Besorgungsding, aber Suki wusste es besser. Ihre Oma würde in die kleine Taverne gehen, mehr ein Glasbierlokal als ein richtiges Restaurant, in dem sich sonderbare Einzelschicksale trafen. Für Suki war es der »Abgasgrieche«, weil der kleine Außenbereich direkt an einer Kreuzung lag. Bei roter Ampel strömten die Abgase von links auf die Teller, und sobald es für die linke Fahrbahn Grün wurde, kamen sie von rechts. Irgendwann, nach ein paar Bieren und weiteren Zigaretten, würde Sukis Oma mit dem Griechen nach oben verschwinden, einem Mann mit weißem, sauber gestutztem Bart und dunklen Augen. Etwas an ihm war Suki unheimlich. Auf eine Weise, die sie nicht wirklich in Worte fassen konnte. Sie wusste, was die beiden taten. Sie wusste es, ohne dass je jemand darüber gesprochen hätte, und sie fand es ekelhaft. Der Gedanke daran ließ sie zusammenzucken, als sie später die dicke Brühwurst mit spitzen Fingern wieder zurück in den Topf legte und dann das weiße Püree von den verschmierten Tellern abwusch. Und trotzdem – manchmal, ganz kurz – war da auch so etwas wie: Gut, wenigstens hat sie irgendwen. Es war seltsam, diese Mischung aus Abscheu und einem leisen, fast zaghaften Verständnis. Ihre Großmutter hatte sonst niemanden, wirklich niemanden. Vielleicht war es nicht Liebe, vielleicht war es nicht einmal Nähe, aber es war irgendetwas. Ein Funke, ein Fetzen von etwas, das es nicht für sie gab. Suki dachte daran, wie ihre Großmutter immer am Tisch saß, allein mit ihrem Radio und dem Tee, den sie immer trank, und wie klein sie manchmal wirkte. Vielleicht hatte sie es verdient, einen Abend lang gesehen zu werden. Auch wenn Suki es nicht ausstehen konnte, daran zu denken.
»Ich geh noch mal runter«, sagte ihre Großmutter schließlich, genau wie Suki es erwartet hatte. Sie drückte mit den Fingern das Teelicht aus, stand langsam auf und griff nach ihrer Jacke. Ihre Bewegungen waren ruhig, fast bedächtig, wie die einer Schauspielerin, die eine Szene zum hundertsten Mal spielt. »Ich hab dir die dicken Socken rausgelegt. Die mit dem Teddyfell drin.«
Suki blinzelte. Sie wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Sie wusste nur, dass sie später, wenn sie allein in ihrem Zimmer war, genau diese Socken über ihre kalten Füße ziehen würde. Und dass sie sich einreden würde, es sei ihr egal. »Okay«, murmelte sie. Sie sah ihre Großmutter nicht an. Sie wollte nichts weiter sagen, sie wollte keine Fragen stellen. Es war leichter, so zu tun, ahnungslos zu sein, auch wenn sie alles wusste. Die Großmutter nickte nur, zog die Jacke enger um sich und ging. Die Tür schloss sich leise, und Suki blieb allein in der Küche, mit dem kalten Wurstgeruch und dem leisen Summen des Radios. Sie starrte auf den leeren Platz am Tisch, wo ihre Oma eben noch gesessen hatte. Sie dachte an die Weihnachtsabende von früher, an den Duft von Plätzchen und an so etwas wie Geborgenheit. Heulen würde sie trotzdem nicht. Das tat sie nie.





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