14.10.2025
Am 22. September 2025 klingelte mein Telefon, und mein Verlag teilte mir mit, man könne meinen neuen Roman nicht veröffentlichen. Es sei schwierig, dass ich als alter weißer Mann über eine Sechzehnjährige schreibe. Ob ich nicht über einen Jungen anstatt eines Mädchens erzählen wolle. Worte wie „Male Gaze“ fielen, und man befürchte negative Reaktionen im Netz.
Ich dachte an Ian McEwan, der ungefähr in meinem Alter seine Briony in die Welt entließ, und mit »Abbitte« auch die Ethik des Schreibens befragte. Jede Stimme berührt die Wirklichkeit und kann sie verändern.
Fiktion muss erfinden dürfen. Auch jenseits der eigenen Biografie. Sonst gäbe es keine historischen Romane, keine Perspektivwechsel, keine Anna Karenina und keine Briony, die am Ende der Gesichte danach fragt, ob die Dichtung wahrer sein sollte als die Wahrheit.
Ich darf also nicht über Prinzessinnen schreiben, weil ich selbst keine bin? Dabei ist doch genau das ein Kern der Literatur. Döblin, Hugo und Wahl waren nie am Rand der Gesellschaft, und doch haben sie uns zu diesem Thema die meist beachtesten Bücher ihrer Zeit geschenkt. Nabokov war nicht pädophil und Mary Shelly hatte eine schöne, schauerliche Fantasie. Geschichten -erlebt oder erfunden- heben uns höher und weiten die Sicht.
Vielleicht ist es in Vergessenheit geraten? Um Aneignung zu vermeiden, muss es etwas Autobiografisches sein, bestenfalls mit Befindlichkeit. Alternativ sind viele Follower, A- bis C-Prominenz und Schriftstellerdarsteller, wie es Christian Kracht einmal sagte, natürlich immer gut verkäuflich. Content ist keine Kunst. Oder doch jetzt?
Irgendwie ahnte ich, dass ich nicht wirklich zu diesem Verlag passen würde. Nur wenige Wochen zuvor hatte man sich einer überwokten Netz-Bubble unterworfen und die Beteiligung einer Autorin an einem Buch gestrichen. Die Hintergründe sind bekannt. Sie haben es schon wieder getan – diesmal vorsorglich.
Hätten sie nicht einfach sagen können, dass es nicht gut ist?
Eine Ablehnung steht jedem Verlag zu. Auch bei Hausautor:innen. Problematisch ist nicht die Entscheidung, sondern die Begründung. Wären sie ökonomischer oder künstlerischer Natur, bräuchte es doch keine solch furchtbaren Ersatzargumente wie diese, die textimmanente Beurteilung durch identitäres Denken ersetzt.
Es geht um die Mechanismen: Wenn linke Prinzipien sich von rechts selbst überholen und Kulturentscheidungen prägen, kommt der Trumpismus schleichend durch die Hintertür der ersten Opportunisten – oft unbemerkt. Ich hatte Angst vor den Nachteilen, das öffentlich zu machen. Aber manchmal muss man ein Licht anmachen, auch wenn dich der Schatten trifft.
Ich weiß nicht, was aus dem Roman wird, und ich weiß auch nicht, ob das Öffentlichmachen dienlich ist. Ich bin trotz der Leser:innen, die meine Bücher lieben, und auch trotz meiner Hotlist-Auszeichnung für eines der besten Bücher der unabhängigen Verlage ein wenig beachteter Autor, und die Branche ist manchmal ein bigottes Dorf mit hohen Mauern.
Aber ich weiß auch, dass es das Beste ist, was ich bis jetzt hingeschrieben habe: eine Weihnachtsgeschichte.
Danke für all die Liebe und Unterstützung.
Salih Jamal