Leseprobe – Vor der Nacht

Viele Geschichten beginnen am Meer oder sie enden dort. Die meisten aber handeln davon, ein Land zu finden.

Wir passen gut zueinander, dieser Ort in der Bretagne an der See und ich. Hier scheint die Zeit langsamer zu gleiten. Diese fehlenden Sekunden inmitten von Hektik und Hatz sind mir ein wertvoller Besitz. Zum Meer sind es nur wenige Schritte hinter dem Abgrund an den weißen und hohen Klippen. Es erzählt mir alles, was ich wissen muss. Hier, nicht sehr weit bei der kleinen Stadt, die mit ihren alten Häusern aus festen und groben Steinen so aussieht, als wäre sie einer alten Sage entflohen und hätte sich trutzend vor der Welt in einer eigenen versteckt.

Vieles auf den folgenden Seiten hat sich tatsächlich so ereignet. Einiges wurde mir von anderen berichtet oder ich habe recherchiert, und das, was ich nicht wissen konnte, ist so aufgeschrieben, wie ich es mir vorgestellt habe.

Das ist die Geschichte von Lilly, Beria, Sinan, Frei und mir. Und natürlich auch die von Ilan Nussbaum, meinem Freund. Ich berichte von Leben, die auf Seelen gelegt worden sind, die dem Leben nicht gewachsen waren.

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Äpfel und Paradiese

Schon bei der ersten Begegnung wusste mein Vater, dass hier jener Mensch vor seinen Obstkisten stand, der ihn erkannte. Sie lächelte und er sah ihr in die Augen und ihre Gesichter leuchteten, bis sie durchsichtig waren. Genau genommen kniete er vor ihr und las die Äpfel auf, die aus einer der schräg aufgestellten Steigen herausgerollt waren, gerade als sie sich den besten hatte nehmen wollen. Er kniete vor ihr und es war ihm, als wollte er im ganzen Leben nichts anderes mehr machen, als vor dieser Frau niederzuknien. So wurde aus den Äpfeln das Paradies. Oft hat er es mir erzählt.

Ich wurde am 14. Dezember 1972 geboren. An dem Tag, als Eugene Cernan als letzter Mensch den Mond verlassen hatte. Er schrieb die Initialen seiner Tochter in den Staub und sagte, bevor er wieder in die Landefähre stieg: „Wir gehen, wie wir gekommen sind, und so Gott will, werden wir zurückkehren.“ Apollo 17 war der letzte bemannte Mondflug, und während es dort friedlich blieb, ging die Welt bereits den Bach runter. In Irland erschossen britische Soldaten an einem blutigen Sonntag Demonstranten. In Bangladesch wurden, nachdem man alle ausländischen Journalisten aus dem Land rausgeworfen hatte, fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit nahezu drei Millionen Menschen ermordet und systematisch Hunderttausende Bengalinnen vergewaltigt. Auf Vietnam regneten Millionen Liter Dioxin und im Watergate-Gebäudekomplex verhaftete man Einbrecher, die Dokumente fotografieren und Abhörwanzen installieren wollten. Die Spiele müssten weitergehen, sagte man in München. Heinrich Böll gewann den Nobelpreis für Literatur. Der für Frieden wurde nicht vergeben.

Als ich vierzehn Jahre später, im Sommer 1986, in diesem Kleinbus saß, spielten sie im Radio Manic Monday, die Welt war immer noch am Arsch und ich mit ihr mit. In Afrika verhungerten die Leute und in der Ukraine flog ein Kernkraftwerk in die Luft.

Hinten im Fahrzeug, aus dem Fenster blickend, fühlte ich mich von einer eigenartigen Stille umschlossen. Nur das sonore Rollen der Reifen drang in mein Bewusstsein, als wäre das Auto ein großer wattierter Umschlag, in dem man mich fortgeschickt hatte. Ich dachte an früher, als zumindest mein kleines Leben noch in Ordnung war. Ich erinnerte mich, wie meine Eltern immer vor unserem Haus auf der Bank saßen. Blumentöpfe standen daneben, und sie tranken roten Wein. Wie sie sich ansahen, als sie im schwindenden Licht des Abends miteinander tanzten. Ich erinnerte mich an das Lächeln meiner Mutter, das alles öffnen konnte. Obwohl ich sie kaum gekannt hatte, habe ich heute noch klare Bilder von ihr. Sie fehlte mir.

Nach einer langen Regenphase war der Himmel hellblau und weit und die Luft so klar wie die Wahrheit an einem anbrechenden Morgen. Es war ein schöner Tag. Doch nichts ist so rein, dass es sich nicht vergiften ließe. Wie lange wir gefahren waren, wusste ich nicht. Auch nicht, ob ich zwischendurch eingeschlafen war. Als es losging, war es noch dunkel gewesen. Jetzt stand die Sonne tief und ich kniff die Augen zusammen. Mit der Kuppe meines Fingers strich ich an der Fensterscheibe über das Auf und Ab der sanften, vorüberziehenden grünen Hügel. Die Gegend und die Straßen waren mir fremd.

Hinter der Autobahnauffahrt bogen wir, nachdem der Kleinbus ein Stück Wald Straße passiert hatte, in einen Weg ein. An der langen Einfahrt zu dem Haus stand ein weißes Hinweisschild mit einem Marienkäfer darauf und der Aufschrift Kindertagesstätte. Doch dort waren keine Jungen und Mädchen untergebracht, die wieder nach Hause durften, wenn die Tage zu Ende gingen und die Nächte begannen. Alle, die dort lebten, mussten bleiben.

Nach ungefähr einhundert Metern Weg, an dem hohe Kiefern Wache standen, stoppte der Wagen vor einem großen, grünen, eisernen Rolltor. Daneben war eine kleinere Tür, an der die Kinder nach der Schule klingeln mussten. Wir hatten keinen Schlüssel, weil wir ihn angeblich sowieso nur verlieren würden.

Die Frau vom Jugendamt, die sich um mich kümmerte, stieg aus und läutete an der Gegensprechanlage. Kurz danach schob sich das Tor auf die Seite und der Wagen fuhr im Schritttempo auf das Gelände – ein kleiner, mit alten Pflastersteinen ausgelegter Hof um einen eingefriedeten Kastanienbaum, der in der Mitte eines Rondells stand, sodass man wie vor einem teuren Hotel einen Kreis fahren konnte. In den Fahrrinnen lagen noch Pfützen. Dahinter erhob sich das alte, dreistöckige Haus mit dem Mansardenwalmdach und einem neueren Anbau an der Seite. Schwarze schmiedeeiserne Gitter vor den einfach verglasten Fenstern boten Schutz gegen das, was reinwollte, weil das Gebäude etwas abgelegen am Rande des Autobahnwaldes lag. Vielleicht brauchte man Gatter und Gitter aber auch gegen das, was von dort hinausdrängte.

Der Fahrer, ein korpulenter älterer Herr, der mit seiner rötlichen, schweißnassen Glatze und dem buschigen, grauen, bis über die Mundwinkel hängenden Oberlippenbart aussah wie ein Walross, hievte sich mühsam aus dem Auto und ich spürte, wie dieser erleichtert aus seinen Federn hochkam. Der Mann holte ächzend das Gepäck aus dem Kofferraum. Zwei große Reisetaschen, in denen überwiegend Anziehsachen sowie einige wenige persönliche Dinge verstaut waren. Vieles hatte ich zurücklassen müssen. Das Haus, in dem mein Vater und ich einmal wohnten, würde verkauft werden. Jetzt war ich hier im Wald an einer Autobahn. Ein Schiffbrüchiger, gestrandet auf einer Insel, mit fast nichts am Leib, nur den Stein meines Großvaters in der Tasche, von dem ich mich niemals trennen würde. Als sie meinen Vater abgeführt hatten, fiel er aus seiner Hose, und lange dachte ich darüber nach, ob er ihn im Gefängnis nicht dringender gebrauchen könnte. Irgendwann redete ich mir aber ein, dass der Stein zu mir gekommen war, weil ich ihn jetzt noch viel mehr nötig hatte.

Ich bemerkte gar nicht, dass der Mann die Tür öffnete. Verloren, in fernen Gedanken und allein mit meiner roten Wollmütze auf der Rückbank war ich einfach nicht dazu in der Lage gewesen, die Ereignisse und vor allem die Gefühle, die an den Tagen zuvor in erbarmungsloser Entsetzlichkeit hereingebrochen waren, zu ordnen und zu fassen. Es waren zu viele auf einmal und sie waren alle gleichzeitig da. Ich erinnere mich auch heute nicht mehr an Einzelheiten, so wie das oft bei Unfallopfern der Fall ist. Das Schreckliche ist nicht mehr im Gedächtnis. Nur das, was vorher war, bleibt meist klar erhalten und abgespeichert. Es ist das Unwesentliche und Unwichtige, das unsere traumatischen Erinnerungen überdeckt, damit wir nicht zu schnell am Leben danach zerbrechen. Das Mädchen gegenüber an der Ampel lächelte, bevor es in das Auto lief. Das Licht strahlte durch die Baumkronen, als der Jagdunfall passierte. Der Himmel war so blau, als das Flugzeug abstürzte. Das Lied im Radio verstummte nicht, als der Kopf die Windschutzscheibe durchbrach. Der Duft der Tomatensoße machte mir Hunger, als die Tür splitterte und sie meinen Vater holten. So werden Nebensächlichkeiten zu Tatsächlichkeiten. Das Schöne ist wie ein Film aus Öl, der oben schwimmt und schillert und uns glänzend macht. Das Schlimme sinkt wie schwere und giftige Schlacke in unsere Tiefen.

In meiner Erinnerung blieben nur die Autofahrt, die hügelige Landschaft, der Kastanienbaum und die Pfützen in den Fahrrinnen. Über die Einzelheiten, bevor oder nachdem sich das grüne Rolltor geöffnet hatte, wusste ich später kaum etwas zu sagen. Ich bekam gar nicht mit, wie die Leute vor dem Auto auf mich warteten. Mit weit entferntem Blick schaute ich immer noch aus dem Fenster und hielt meine Tränen zurück, während ich tiefer und tiefer sank und das Wasser um mich stieg.

Ich war orientierungslos, seit sie mich von zu Hause mitgenommen und durch Büros, Fahrzeuge, Zimmer des Jugendnotdienstes und wieder andere Büros gereicht hatten. Ich war der Gegenwart beraubt worden. Jegliches Gefühl von Zeit war mir abhandengekommen, als lebte ich in einer Zwischenwelt. Stunden oder Tage, die rasend an mir vorüberzogen und sich gleichzeitig bis zum Stillstand dehnten. Seitdem sollte ich mein ganzes späteres Dasein in ein Davor und Danach einteilen. In ein vor der Verhaftung meines Vaters und ein Danach. In ein vor und hinter dem großen, grünen, eisernen Rolltor.

Alles hatte ich verloren und jetzt war ich allein. Schleichende Angst wollte mich aufsaugen. Innerlich zerzaust erinnerte ich mich an das unheimliche Gefühl, das mich auf der Beerdigung meiner Mutter mit seiner heftigen Unmittelbarkeit zum ersten Mal überfallen und auf mich eingeprügelt hatte. Verlust zu ertragen kann man nicht üben. Verlust entwurzelt. Verlust ist ohne Boden. Man verliert in der Erinnerung zuerst die Ränder des Verlorengegangenen und dann ganz langsam die eigene Mitte, bis man selbst verschwunden bist. Ein verzweifelter Kampf mit der Not. Es gibt nichts, was man stärker fühlt als Liebe und Verlust. Vielleicht ist nur der physische Schmerz noch stärker, und verletzen sich die Menschen genau deshalb immer wieder selbst, damit die Angst hinaus und Linderung hineindringen kann. Ich betrachtete die Fenster des Hauses, in diesem Autobahnwald und atmete schwer, und ich erschrak über den Pfropfen, der in meinem Hals mit rasender Geschwindigkeit anschwoll und Gewalt forderte.


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