Ein Lagebericht aus der Timeline Hölle

Warum ich hier so selten bin.

Ich werde manchmal gefragt, warum ich in den sozialen Medien so wenig unterwegs bin. Die ehrliche Antwort wäre: weil ich meine geistige Gesundheit schätze. Die etwas höflichere: weil ich keine Lust habe, in einem Dauerzustand aus Reklame und Meinungsmüll von Selbstdarstellen zu leben. Und die bösartige: weil mir der Algorithmus inzwischen so auf die Nerven geht, dass ich ihm nicht mal mehr einen Klick gönnen möchte.

Fangen wir mit der Werbung an.

Der Algorithmus, dieser höfliche Vollidiot

Die Plattformen behaupten ja immer, der Algorithmus „lerne mich kennen“. Als sei er ein freundlicher Concierge, der mir irgendwann den Lieblingskaffee reicht und sagt: „Na, heute eher was Leichtes für die Timeline?“ In Wahrheit verhält er sich wie ein absolut überforderter Praktikant mit Gedächtnislücke: Ich schaue mir EINMAL ein Video etwas länger als fünf Sekunden an. Zack, die gesamte Timeline wird umgebaut wie ein Kaufhaus, das plötzlich nur noch Gartenzwerge verkauft, weil sich ein Kunde aus Versehen im Deko-Regal verlaufen hat. Neulich blieb ich an einem alten Boxkampf hängen. Nostalgie, kurz mal fasziniert vom absurden Tempo. Seitdem glaubt meine Timeline anscheinend, ich sei ein historisch interessierter Hobby-Schläger mit Faible für VHS-Qualität. Jeder fünfte Beitrag: irgendein nostalgisch-verklärter Rumprügel-Clip. Beruhigend, dass der Algorithmus mich für jemanden hält, der seine Freizeit gern mit Retro-Gehirnerschütterungen verbringt.

Die Strafe für einen zu langen Blick

Und dann wäre da noch unendlich viele andere Kategorien. Ja, ich gebe es zu: Ich habe mir einmal eine Frau in einem Video etwas zu lange angeschaut. Einfach, weil sie schön war. Nicht „Follow me for my deep thoughts“, sondern eher „Follow me for my Filter“. Seitdem ist offenbar Strafmaßnahme angesagt. Jeder vierte Beitrag in meiner Timeline: das, was man wohl als industriell hergestellte Sexualisierung bezeichnen müsste. Frauen, die nichts verkaufen außer sich selbst. Wobei „sich selbst“ streng genommen aus 80% Filter, 15% Sport-BH und 5% Motivationsspruch in der Caption besteht. Ehrlich jetzt: Ja, es nervt mich. Nicht, weil ich prüde wäre, sondern weil es so unfassbar plump ist. Bullig, laut, hohl. Sex sells, klar. Aber muss ich jeden Tag erneut bestätigt bekommen, dass sich die Menschheit an dieser Stelle entschieden hat, einfach mal nicht weiterzudenken?

Am Rande noch ein kleiner Gedanke, bevor der Shitstorm jetzt schon mal den Motor warmläuft: Mir fällt etwas auf: Viele Feministinnen, nicht alle, aber ein auffällig gut besuchter Teil, hauen im Internet sehr gerne pauschal auf „die Männer“ ein. Patriarchat hier, toxisch da, „die da“ usw. Und ja, vieles davon ist absolut berechtigt. Aber seltsamerweise richtet sich die Wut deutlich seltener gegen die Ökonomie, die diese ganze Sex-Sales-Dauerschleife befeuert. Gegen die Strukturen, die aus jedem Körper ein Werbebanner machen. Und eher selten gegen diejenigen, die diesen Markt aktiv füttern, indem sie alles, was eigentlich mal kritisch hinterfragt werden sollte, bis zur Unkenntlichkeit performen. Es ist, als würde man sich permanent über das Feuer beschweren, aber nie über die Tankstelle, die im Hintergrund Kanister ins Bild rollt. Naja, und bei manchen Accounts habe ich einfach den Verdacht, das es doch mehr um einen selbst geht als um die Sache. Jeder kann hier Jeanne d’Arc sein, und es gibt immer jemanden der followt.

Von Werbung zu Meinung: der Abstieg bis in die Kommentarhölle

So. Und weil mir die Timeline schon das Gefühl gibt, ich sei wahlweise ein aggressiver Box-Fan, ein schlicht gestrickter Click-Fetischist oder ein kauffreudiger Dauerpubertierender, landet man zwangsläufig irgendwann bei der dritten Ebene der Hölle: Meinung. Wenn es zur Abwechslung mal keine Werbung ist, dann ist es Meinung – in allen Aggregatzuständen: lauwarm („Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber…“), kochend („Unpopular opinion, aber ihr MÜSST das hören!!!“), und tiefgefroren („Hier sind 37 Fakten, warum du falsch liegst“). Social Media ist ein gigantisches offenes Mikrofon in einer Turnhalle, in der alle gleichzeitig schreien. Und alle schreien mit einer Sicherheit, als hätten sie gerade persönlich die Wirklichkeit inventarisiert.

Woher kommt nur dieses Selbstbewusstsein?

Virtuelles Selbstbewusstsein ist billig, weil es nicht nachprüfbar ist. Du musst nichts können, nur so klingen, als könntest du’s. Du musst nichts riskieren, nur so tun, als würdest du’s. In der echten Welt gäbe es Rückfragen, Widerstand, Konsequenzen. Online gibt’s höchstens ein paar Emojis, einen Block-Button und den nächsten Take.

Dieses Impression Management, also der Versuch, den Eindruck zu steuern, den andere von einem bekommen, ist zwar menschlich. Wer möchte nicht gut dastehen? Aber auf Social Media kippt es auffällig oft von normaler Selbstpräsentation in ein ziemlich transparentes Bündel aus Geltungsbedürfnis sowie Aufmerksamkeits-, Prestige- und Zugehörigkeitsbedürfnis. .Und je lauter das Ganze „Authentizität“ ruft, desto häufiger wirkt es wie das Gegenteil: eine narzisstische Selbstinszenierung, die sich selbst entlarvt. Nein, danke. Ich bin mir zu schade, um ständig als unbezahlte Jury in einem Casting zu sitzen, bei dem alle so tun, als ginge es um Inhalte, während es eigentlich um Wirkung geht.

Das ist wie im Fernsehen mit den Reality-Trash. Ab einer gewissen Reichweite wird aus Müll, Scheinbildern oder Plattitüden ein Format: Es muss nicht stimmen, es muss nur anschlussfähig sein. Dann wird Quatsch plötzlich reproduzierbar, wird verlegt, besprochen, geklickt und gelikt. Nicht, weil er richtig oder herausragend wäre, sondern weil er sich gut weiterreichen lässt. Andere hängen sich dran wie Remoras am Hai, weil’s oft genug durch die Timeline gerollt ist. — Repetition erzeugt Realität.

Das ist aber nicht nur ein individuelles Nervenproblem, sondern ein Kulturproblem für alle.

Diese Mechaniken verengen den Raum für Wertvolles: Wenn Anschlussfähigkeit wichtiger ist als Qualität, wird der Markt zuverlässig mit dem überschwemmt, was sich am leichtesten multiplizieren lässt: schlechte Filme, flache Bücher, austauschbare Formate. Gleichzeitig ersetzt Lagerbildung in Bubbles das Wichtige durch das Einfache: Nuancen sterben als Erstes, Ambivalenz gilt als Schwäche, und das Komplizierte verliert gegen das Triviale, weil es sich schlechter als Parole recyceln lässt. Und in diesem Klima wird auch politischer Schrott schneller gesellschaftsfähig: Was gestern noch als Randrauschen galt, wird heute durch Wiederholung, Empörungsökonomie und Meme-Tauglichkeit salonfähig. Bis hin zum allgemeinen Rechtsruck, der nicht mehr diskutiert, sondern „geframet“ und durchgereicht wird.

„Warum ich nicht so oft hier bin“ – die Kurzfassung:

Unterm Strich sieht mein Besuch auf Social Media ungefähr so aus: Ich öffne die App. Ich werde mit Werbung beworfen, die mir Dinge verkaufen will, die ich weder brauche noch je bestellt habe (außer ich habe einmal im Halbschlaf ein Video zu lange angeschaut). Ich werde von halbnackten Selbstvermarktungsprojekten angeblinzelt, die mir erzählen, sie seien „authentisch“, während sie im exakt gleichen Licht und exakt gleichen Winkel posen wie alle anderen „authentischen“ Accounts. Ich werde in Meinungs-Tsunamis hineingezogen, in denen niemand schwimmen kann, weil alle gleichzeitig Wasser treten und sich gegenseitig anspritzen. Und dann soll ich glauben, dass diese Umgebung etwas ist, in dem ich „präsent sein“ sollte? Dass ich mich schlecht fühlen muss, wenn ich kein Repertoire an Reels, Stories, Takes und Threads vorweisen kann? Oder Will? Vielleicht bin ich altmodisch, aber ich weigere mich ein bisschen, mein Gehirn als kostenloses Datenmaterial für einen Algorithmus zur Verfügung zu stellen, der mich offensichtlich nicht kennt und sich auch nicht ernsthaft dafür interessiert.

Was ich stattdessen mache:

Stattdessen bin ich hier nur noch punktuell. Wie jemand, der gelegentlich in eine laute Bar geht, kurz einen Blick durchs halbdunkle Lokal wirft und nach drei Minuten merkt: Ach ja, deswegen komme ich nicht öfter. Ich schaue kurz rein, lasse mir vom Algorithmus und von sich berufen fühlenden erklären, wer ich angeblich bin und was ich will. Ich lächle müde, und schließe die App wieder. Vielleicht verpasse ich dadurch den nächsten Trend, das nächste Meme, die nächste Empörungswelle. Damit kann ich leben. Denn Social Media heute ist für mich: viel Lärm, wenig Licht, und ein Algorithmus, der mich für deutlich dümmer hält, als ich bereit bin zu akzeptieren.

Und genau deshalb bin ich nicht so oft hier. Und wegen der Katzenvideos natürlich.