Ist das ein Blutfleck? Da an deiner Hand?

Meine halbe Familie stammt aus dem Westjordanland. Aus Bethlehem, um genau zu sein. Palästinenser. Vertrieben, entwurzelt, gezwungen, in Zelten zu leben. Ich war nicht dabei, aber so hat man es mir erzählt.

Kann ein Staat, der aus historischem Unrecht entstanden ist, selbst Unrecht verursachen, und trotzdem moralisch bestehen? Diese Spannung ist bis heute ungelöst.

Ein Staat, der aus der Erfahrung von Verfolgung und Entrechtung geboren wurde, sollte besonders sensibel gegenüber der Entrechtung anderer sein. Viele israelische Intellektuelle (z. B. Amos Oz, Yeshayahu Leibowitz, David Grossman) haben genau diese Mahnung formuliert: Dass die Existenz Israels nicht losgelöst von der Realität der Palästinenser gedacht werden kann.

Doch was heute geschieht, ist eine weltweite Verhärtung und sie eskaliert. Immer wieder. Und immer schneller. Die Mauern werden wieder höher. Überall. An den Grenzen zu Mexiko, im Mittelmeer, vor unseren Haustüren, und vor allem: in unseren Köpfen. Die Demagogie unserer Zeit flutet uns schutzlos. Schwarz-Weiß-Denken, Gut gegen Böse. Einfache Antworten erobern unsere Gehirne. Sie dringen durch alle Kanäle, in unsere Sprache, Medien, Bilder. Und diese Kanäle tragen ihre Mitschuld. Oft sind es nur kleine Spitzen. Ein Bild, ein Witz, ein Halbsatz in einer harmlosen Reportage. Man kommt mit dem Nachdenken gar nicht mehr hinterher. Zu schnell. Zu viel. Zu subtil. Kleine Stacheln oder unverhohlene Lügen werden auf uns abgefeuert.  Wie Dreck, der hängen bleibt.

Und dann ist es da. Das ganze sich aufstauende Unbehagen. Die  Angst (vor allem die) vor Verlust, vor Machtlosigkeit, vor vermeintlicher Ungerechtigkeit. Sie frisst sich in unsere Seelen, die nichts fürchten müssten, aber sich zu gerne gruseln wollen. Und daraus wächst Hass, der sich entzündet. Wie ein Schwelbrand, bereit dazu sich auszubreiten. Brandherde in unseren Köpfen. Und viele lassen sich treiben. Dorthin, wo sie glauben, es gäbe Klarheit. Folgt Moses ins vermeintlich Gelobte Land. Der ist da übrigens nie angekommen und dort warteten nicht Erlösung, sondern Kriege. Teilung. Unversöhnlichkeit. Kann man ja nachlesen.

Die Welt – nein: der Mensch – ist nicht einfach. Er ist komplex. Und vielschichtiger. Deshalb müssen wir zuerst bei uns selbst anfangen aufzupassen. Aber ohne diese scheuklappenmäßige Unversöhnlichkeit. Gegenüber anderen und vor allem mit uns selbst.

Noch nie hatte die Menschheit so viel Zugang zu Bildung, zu Wissen. Das Problem ist nur, dass es fast nie einfache Wahrheiten gibt.  Lagerzugehörigkeit ist einfacher als Humanität, obwohl das doch die einzig wirkliche, klare und sehr einfache Wahrheit überhaupt ist.

Um es mit Hannah Arendt zu sagen:

„Die schlimmsten Verbrechen wurden nicht von Fanatikern oder Soziopathen begangen, sondern von ganz gewöhnlichen Menschen, die die Regeln nicht hinterfragten.“  Ich würde hinzufügen: „ … und sie deshalb erst möglich gemacht haben.“  So wird aus stiller Zustimmung Gewalt.

Denkt daran, bevor ihr das nächste Mal vorschnell Partei ergreift, Parolen schreit oder Menschen zu Gegnern erklärt. Denn Wokeness ist kein linker Begriff. Es ist ein anderes Wort für Orthodoxie. Auf beiden Seiten.

Denkt daran, wenn ihr Brandmauern einreißen wollt, oder wenn ihr mitten in eurer Bubble schwimmt, ohne Sicht nach draußen. Besonders dann, wenn ihr euch selbst für moralisch überlegen haltet und so -vielleicht ganz ungewollt und unbewusst- etwas Samen für Antisemitismus streut.

Denn zu schnell könnte ein bisschen Blut vom Bondi Beach auch an euren Händen kleben.