DAS PERFEKTE GRAU – Leseprobe

1. DAS LEISE SIRREN

Ich sah den Rost an der Heizung. Er fraß sich von den Rändern durch die weiße Emaille immer weiter über die einst so glänzenden Flächen. Ein neuer Sommer stand in der Tür und wartete nur darauf, eintreten zu können, um mit seinen Geschichten der Vergänglichkeit Widerstand zu leisten. Die Vorbereitungen für die Saison waren in vollem Gange, alles musste hergerichtet werden, obgleich es nie ganz zu schaffen war, das Haus mit der Feuchtigkeit, die über das Efeu in die Mauern und unter die Dachziegel kroch, auf Vordermann zu bringen. Die Seele des Hotels steckte in einem maroden Körper, und mit jeder Schicht Lack, die man auf die abgeschürften und wunden Stellen der Wände oder der Möbel auftrug, mutete dieses Haus wie die Fratzen der verspachtelten und überschminkten Gesichter der alten Damen mit grauen Kurzhaarfrisuren an, die bald begleitet von ihren kleinen Hündchen oder ihren Ehemännern in beigen Windjacken kommen würden. Die Farbe, die jedes Jahr über alles gestrichen wurde, hielt das, was sich schon vor Zeiten auflösen wollte, zusammen. Ohne den ganzen Kleber wäre wohl nicht nur das Hotel, sondern sicher auch der Rest des Ortes schon vor langer Zeit zerfallen.

Ich konnte machen, was ich wollte. Das Seebad erinnerte mich in seinem morbiden Zustand an den Ort meiner Kindheit. Ich komme aus einem kleinen, entlegenen Dorf, gar nicht so weit von hier. Ein Postamt, eine Kirche, der kleine Laden direkt daneben und der Blaue Krug. Dort trafen sich die Leute nach der wenigen Arbeit, die es gab, und fühlten sich in den aufbrechenden neuen Zeiten nicht mehr so fremd. Zu uns führte keine wirkliche Straße. Die Autobahn wurde an den Häusern vorbei gebaut, ohne eine Ausfahrt, die man hätte nutzen können. So blieb nur das Rauschen und das leise Sirren der Lkw-Reifen auf dem Flüsterasphalt hinter dem hohen Damm, der an manchen nicht enden wollenden Tagen wie eine unüberwindbare Wand zu einer unbekannten, anderen Welt erschien. Ein Wall, der vor den Geräuschen der Straße schützen und alles versteckt halten sollte.

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