Die Selbstüberschätzten

Es beginnt vielleicht mit einem Satz am Kinderbett.

„Du kannst alles werden.“

Die Decke riecht nach frischem Waschmittel, irgendwo glimmt ein Nachtlicht, und auf dem Nachttisch schläft ein Smartphone mit noch halb geöffneter Ratgeberseite über „fördernde Erziehung“. Das Kind blinzelt, die Wimpern wie kleine Schattenstreifen auf der Haut. Was als Trost gemeint ist, sinkt wie ein zarter, aber unerbittlicher Auftrag in die Brust: Alles. Immer. Überall.

Wir haben eine Generation von Kindern großgezogen, denen wir erzählen, sie seien einzigartig, hochbegabt, „besonders“, und natürlich kleine Kämpfer:innen. Niemand soll mehr verlieren, jede Niederlage wird weich gepolstert: Auf jedem Turnier ein Fairnesspokal, auf jedem Kinderbild ein Sticker, auf jedem Zeugnis eine Erklärung, warum die Note im Grunde besser ist, als sie aussieht. Aus diesem warmen Schaum aus Liebe, Angst und Ehrgeiz steigt eine Gestalt hervor, die die Psychologie inzwischen gut kennt: der Mensch, der sich dauerhaft überschätzt – und zugleich erschreckend zerbrechlich ist.

Die zarte Rinde

In der Sprache der Forscher heißt das „Overconfidence“. Ein nüchternes Wort für etwas sehr Menschliches: die Selbsttäuschung, die sich in den Spiegel verliebt. Man unterscheidet fein: die Überschätzung der eigenen Leistung, das ständige Gefühl, besser zu sein als die anderen, und die übergroße Sicherheit, mit der man seine Urteile vorträgt, als wären sie aus Granit.

Das klingt abstrakt, bis man die Figuren erkennt: die Versuchsperson, die sechzig Prozent ihrer Antworten falsch hat und überzeugt ist, sie liege fast immer richtig. Den Manager, der sich fest in den besten zehn Prozent seiner Branche wähnt, gemeinsam mit fast allen seinen Kollegen. Die Userin, die an einem langen Sofaabend nebenbei Epidemiologie, Wirtschaftspolitik und Geostrategie erklärt, als hätte sie in jeder Disziplin promoviert.

Cervantes hat diesen Menschen schon erfunden, lange bevor jemand Messkurven und Fragebögen zeichnete: Don Quijote, den Ritter ohne Reich, der Windmühlen für Ungeheuer hält. Jahrhunderte später messen Kruger und Dunning, was Cervantes im Roman ausmalte: Menschen mit geringen Fähigkeiten neigen am stärksten dazu, sich für kompetent zu halten. Gerade weil ihnen das Werkzeug fehlt, die eigene Inkompetenz zu erkennen. Wer wenig weiß, weiß oft nicht einmal, wie wenig er weiß.

Vielleicht ist das eine der leisen Tragödien unserer Gegenwart: die großflächige Entkopplung von Selbstbild und Wirklichkeit.

Helikopter über den Kinderbetten

Über dieses psychologische Tableau legt sich das Bild der „Helikoptereltern“: Mütter und Väter, die wie Rettungshubschrauber über der Kindheit kreisen, jederzeit bereit, einzuschweben, zu korrigieren, zu optimieren. Sie räumen Hindernisse aus dem Weg, bevor das Kind sie überhaupt sehen kann.

Was gut gemeint ist, raubt eine Erfahrung, die früher selbstverständlich war: dass Scheitern aushaltbar ist. Das „Du kannst alles“-Mantra, kombiniert mit permanenter Überbehütung, verhindert, dass sich ein realistisches Gefühl der eigenen Fähigkeiten und Grenzen bildet.

Psychologisch ist das ein idealer Nährboden für eine fragile Form von Narzissmus: nach außen Grandiosität, nach innen die ständige Angst, entzaubert zu werden. Der Selbstwert hängt an einem Satz, der immer wieder von außen kommen muss: „Du bist etwas Besonderes.“

Die Bühne aus Glas und das offene Tor

Der Spiegel, in dem wir uns vergewissern, liegt heute in unseren Händen. Er vibriert auf unseren Tischen, flackert auf nächtlichen Kissen: Instagram, TikTok, X, LinkedIn – eine endlose Casting-Show ohne Jury, aber mit unermüdlichem Publikum. Ein Kapitalismus des Gefällt-mir, in dem Zustimmung zur Währung wird und Aufmerksamkeit zur einzigen wirklichen Ressource.

Gleichzeitig hat sich die Welt noch nie so weit geöffnet wie durch diesen leuchtenden Rahmen. Für viele, auch für mich, hat das Netz Türen geöffnet, die keine Bibliothek und kein Flugticket erreicht hätten. Hinter Links lagen plötzlich Archive, Vorlesungen, Museen, Essays, die man früher nie gefunden hätte. Kunst, Kultur, Wissenschaft haben Räume aufgestoßen, von denen ich nicht einmal wusste, dass es sie gibt.

Man könnte also sagen: Warum sich überhaupt mit all dem produzierten Unsinn abgeben? Warum nicht einfach das nutzen, was wichtig ist?

Die Antwort ist entwaffnend schlicht: Weil auch ich vom Suchen ins Gefundenwerden gedrängt worden bin. Ich tippe ein Wort, und es tippt zurück. Ich scrolle, und plötzlich findet das Netz mich. Mit Vorschlägen, Empfehlungen, Verführungen. Dafür bin ich dankbar; nicht immer weiß man ja am Anfang, wonach man sucht.

Das Problem ist nur, dass so vieles auftaucht, das ich gar nicht vorfinden möchte. Und dass sich das Gefühl breitmacht, die Dummheit werde übermächtig, schwer wie ein Wetterumschwung. Vielleicht braucht es so etwas wie Gatekeeper. Bessere Filter, Algorithmen, die ich als User selbst feindrehen kann.

Manchmal denke ich, man müsste das Internet nach Bildungskriterien auftrennen. Zonen ziehen wie Kontinente: hier ein tieferes Becken, dort ein seichteres, nur ohne Mauern und Minenfelder. Eine geistige Geografie, in der jeder willkommen ist, der hinüber will. Hauptsache, er bringt ein bisschen Verstand mit und die Bereitschaft, ihn zu benutzen. Kein elitäres Ghetto, eher ein Schwimmbad, in dem nicht jede:r sofort ins Tiefwasser stürzt, nur um auch dort laut zu planschen.

Vom Experten zum Erklärer

Hier berühren sich psychologische Diagnose und kulturelle Landschaft. Der Dunning-Kruger-Effekt beschreibt nicht nur, dass Unwissende sich für kompetent halten; er erklärt auch, warum sie so sicher auftreten. Wer die Komplexität eines Feldes nicht kennt, sieht die Abgründe nicht, über die er hinwegargumentiert.

In sozialen Medien wie in der Politik entsteht eine paradoxe Hierarchie: Je simpler die Antwort, desto größer die Reichweite. Der wirkliche Experte, der zögert, abwägt, einschränkt, wirkt unsicher. Der Halbwissensheld, der mit fester Stimme verkündet, „wie es wirklich ist“, wird als starke Figur wahrgenommen. Politik, Kultur, Wissenschaft verwandeln sich in Bühnen, auf denen Lautstärke wie Kompetenz aussieht.

Charles Bukowski hat es einmal brutaler formuliert als jeder Fachartikel:

„Das Problem dieser Welt sei, dass die Intelligenten voller Zweifel und die Dummen voller Selbstvertrauen sind.“

Moralische und politische „Erklärer“ inszenieren sich als Propheten einer neuen Klarheit: Impfgegner, Finanzgurus, Aktivist:innen, die komplexe Strukturen in ein einziges, gut verkäufliches Schlagwort pressen. Aus all dem ist eine von sich selbst berauschte Generation hervorgegangen. Man hat ihnen beigebracht, dass ihre Stimme zählt, ihr Gefühl unverhandelbar ist, ihre Perspektive „valid“, und vergaß zu erwähnen, dass das Gegenteil ebenfalls gelten könnte. Schwächen werden kuratiert: „Hey, ich bin verletzlich, zu dünn, zu dick – so what?“ Makel werden zur Währung, zum Story-Element, das Authentizität verspricht, solange es gut ins Bild passt. Verletzlichkeit als Stilmittel, nicht als Risiko. Auch das gehört zum Rausch.

Widerspruch wird nicht als Einladung verstanden, sondern als Angriff, als Kränkung des Selbst, das sich an ständige Bestätigung gewöhnt hat. Wer eine andere Meinung äußert, gilt schnell als „toxisch“, „problematisch“ oder „rechts“ beziehungsweise „links“, je nach eigener Position im moralischen Koordinatensystem. Es ist weniger ein Diskurs als ein Sicherheitsmechanismus: Blocken, muten, entfolgen. Wie man früher das Fenster schloss. In dieser Stimmung wird die Welt nicht gemeinsam ausgehandelt, sondern in Lager aufgeteilt.

Schwarmintelligenz und Herdendummheit

Man hat uns einmal versprochen, Gruppen seien klüger als Einzelne. Schwarmintelligenz, das war die Idee: viele unabhängige Stimmen, vielfältige Perspektiven, dezentral, gut gemischt – und am Ende entsteht so etwas wie Weisheit.

Aber was passiert, wenn genau diese Voraussetzungen fehlen? Wenn die Menge nicht mehr aus unabhängigen Urteilen besteht, sondern aus Menschen, die sich gegenseitig imitieren, ihre Meinung am Rauschen ausrichten, dem flüssigen, unsichtbaren Kamm eines Algorithmus folgen? Dann kippt Schwarmintelligenz in etwas anderes: Herdendummheit.

Informationskaskaden, also Prozesse, in denen Menschen ihre eigenen Zweifel zugunsten dessen ignorieren, was bereits sichtbar ist, kennt man von Börsenblasen, Verschwörungsbewegungen, digitalen Prangerfesten. Der Einzelne fragt sich nicht mehr: „Stimmt das?“, sondern: „Wie stehe ich da, wenn ich das like oder eben nicht?“

So wird wichtiges zum Theater und danach zum Instrument für Demagogen. „Political Posturing“, das demonstrative Zurschaustellen von Haltungen, wird wichtiger wird als die langsame, spröde Arbeit an Lösungen. Der Schwarm formiert sich nicht um Wahrheit, sondern um Resonanz. Die klügste Stimme ist nicht die, die am weitesten denkt, sondern die, die Empörung am geschmeidigsten in Klicks verwandelt.

Moralischer Lärm

Besonders empfindlich wird es im moralischen Raum. Was man verkürzt „Wokeness“ nennt, ein gesteigertes Bewusstsein für Diskriminierung, Machtasymmetrien, historische Schuld, beginnt als ernsthafte, notwendige Sensibilität. Doch auf der Bühnen trifft dieses Bewusstsein auf ein anderes Bedürfnis: moralisch zu glänzen. „Moral Grandstanding“ nennen Philosophen das: die Nutzung moralischer Werte zur Selbsterhöhung. Wenn Empörung zur Währung wird, beginnt ein Wettlauf in Tugendsignalen. Man zeigt öffentlich seine richtigen Überzeugungen, nicht nur, um etwas zu verändern, sondern um sich selbst im richtigen Licht zu präsentieren.

Der Effekt ist fatal: Eine ursprünglich emanzipatorische Bewegung kann in eine rigide Symbolpolitik kippen, die Andersdenkende nicht überzeugt, sondern beschämt und ausgrenzt. Als Gegenreaktion wird „Wokeness“ zum Schimpfwort, zur Chiffre für das Gefühl, dass Moral nur noch Theater sei. Der Diskurs blinkt links: Gerechtigkeit, Diversität, Sensibilität. Und überholt sich rechts selbst, indem er neue Ausschlüsse produziert. Das Problem ist nicht die Wachheit, sondern die Überzeugungssimulation: Moral, die vor allem um sich selbst kreist.

In Kunst, Literatur, Popkultur zeigt sich dieses Muster in leiseren Farben. Jurys, Marketingabteilungen, Feuilletons, Festivals und digitale Blasen verhandeln darüber, was als „gute Kunst“ gilt. Nicht selten landen jene Werke auf den Podien, die in einer komfortablen Mitte siedeln: formal sauber, inhaltlich gefällig, gerade komplex genug, um anspruchsvoll zu wirken, und doch simpel genug, um niemanden zu überfordern.

Es sind Werke, die sich leicht in Zitate auf Instagram verwandeln lassen, in drei Sekunden wiedererkennbar sind, sich gut in Panels und Podcasts übersetzen lassen: nach innen in die Förderlogik der Institutionen und nach außen in die schnell scrollende Öffentlichkeit.

„Wo sind die Genies?“ Vielleicht sitzen sie zur gleichen Zeit in Laboren, Bibliotheken, Ateliers und verteidigen ihre Tage gegen den Druck, jede Stunde in Content zu verwandeln. Vielleicht schreiben sie an Papieren, die niemand auf TikTok erklärt, arbeiten an Ideen, die in keinen Karussell-Post passen. Vielleicht haben sie ihre leisen Fähigkeiten zurückgezogen aus einer Welt, die für sorgfältige Unauffälligkeit keine Infrastruktur mehr bietet.

Wir leben in einer Ökonomie, in der das „Leistungssubjekt“ sich selbst ausbeutet: als Marke, als Profil, als Produktionsstätte von Aufmerksamkeit. Was zählt, ist nicht, wie tragfähig ein Gedanke ist, sondern wie anschlussfähig er an die Erregungswellen des Tages bleibt.

In dieser Ordnung gewinnt der sich selbstüberschätzende, selbst darstellende und selbsternannte Messias mit dem klaren Narrativ gegen die Expertin, die „Es kommt darauf an“ sagt. Und wir, die Follower:innen, die sich vielleicht insgeheim nach Tiefe sehnen, nehmen, was die Timeline hergibt: eine Diät aus schnellen Gewissheiten.

Verdummungsspirale oder Überforderung?

Man kann es Verdummung nennen, was wir sehen: Halbwissen wird belohnt, Aufmerksamkeit in feine Splitter geschlagen. Vielleicht ist es aber präziser, von einer Überforderungsspirale zu sprechen, die wir mit einfachen Antworten bekämpfen.

Die Frage ist nicht nur: Warum sind so viele so laut? Sondern auch: Warum hören wir ihnen so gerne zu? Vielleicht, weil das Spektakel der Selbstüberschätzung bequemer ist als der Blick auf die eigenen blinden Flecken. Es beruhigt, sich zu erzählen, „die da oben“ seien unfähig oder korrupt. Dann muss man die eigene Bequemlichkeit nicht in Frage stellen.

Bestätigung finden wir im Mittelmaß und im Schund. Es ist einfacher, große Buchstaben in Boulevard-Schrift zu lesen, als selbst auf Recherchereise zu gehen. Gefahrloser, das zu mögen, was andere schon goutiert haben. Mutlosigkeit verkleidet sich als Geschmack.

Gegenbild: Die Kunst der Begrenzung

Wie sähe ein Gegenbild aus zu dieser Kultur der aufgepumpten Egos? Vielleicht beginnt es mit einem Wort, das aus der Zeit gefallen scheint: Demut.

Nicht die religiöse Demut, die sich klein macht, sondern eine erkenntnismäßige: das Bewusstsein, wie wenig wir wissen. Menschen, die ihre Grenzen realistischer einschätzen, sind nicht weniger kompetent – oft sind es gerade die Fähigen, die sich unterschätzen, weil sie die Größe ihres Feldes kennen.

Eine Gesellschaft, die wirkliche Eliten will, müsste diese Haltung fördern: Skepsis gegenüber dem eigenen Urteil, Freude an begründeter Kritik, die Fähigkeit, „Ich weiß es nicht“ auszusprechen, ohne sofort in ein Loch aus Scham zu fallen. Sie müsste Räume schaffen, in denen nicht permanent performt werden muss, in denen Nachdenken nicht unter Rechtfertigungsdruck steht und die Fehler gestattet.

Vom Like zur Leerstelle

Vielleicht müssten wir anfangen, Inseln der Unsichtbarkeit zu kultivieren. Orte, an denen kein Profil entsteht, kein Ranking zählt, keine Followerzahl wächst. Kinder, die etwas lernen, ohne dass es gepostet wird. Studierende, die experimentieren dürfen, ohne an ihr Portfolio zu denken. Erwachsene, die sich engagieren, ohne Beweisfoto mit Hashtag.

Das wäre ein leiser Widerstand gegen die Verdummungsspirale: Räume, in denen das Sein wieder wichtiger ist als die Darstellung.

Und vielleicht würden dann jene Stimmen hörbar, die heute im Lärm untergehen: die stillen Könner:innen, die ihre Zeit nicht in Content verwandeln wollen, sondern in Können.

Zurück ins Kinderzimmer

Stell dir noch einmal das Kind vor, im Bett, die Decke bis zur Nase hochgezogen. Der Atem geht ruhig, irgendwo summt die Heizung. Diesmal sagt niemand: „Du kannst alles werden.“ Vielleicht sagt jemand:

„Du musst nicht alles können. Du wirst in manchen Dingen gut sein, in anderen schlecht. Manches wirst du nie verstehen. Das ist normal. Wichtig ist, dass du neugierig bleibst – und freundlich.“

Es ist ein kleiner Satz im Vergleich zu den großen Versprechen unserer Zeit. Er macht aus dem Kind keinen Champion, keine künftige Führungskraft, kein „High Potential“. Aber er zeichnet eine andere Spur in die Brust: die Ahnung, dass Wert nicht im Überfliegen liegt, sondern im Aushalten der eigenen Begrenzung.

In einer Welt, in der sich Überzeugung permanent selbst überschätzt, wäre das vielleicht der radikalste Akt: ein Mensch, der weiß, dass er nicht alles weiß – und genau darum zuhört, bevor er spricht.