Rezensionen

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+Brief

Ich kenne nichts vergleichbares.

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Orpheus und Nienke könnten ein glückliches Paar sein. Wäre nicht Orpheus nicht Enkel des mächtigen und skrupellosen Patriarchen Zeus und Nienke dessen Anwältin. Ein 40 Jahre alter ungeklärter Mordfall lässt die ehemalige Polizistin nicht in Ruhe. Die Indizien weisen auf Zeus, doch bevor Nienke ihre früheren Kollegen einschalten kann, verschwindet sie spurlos.

Die Geschichte von Orpheus und Eurydike sei die traurigste Liebesgeschichte, die es gibt, behauptet der Autor. Die Geschichte von Orpheus und Nienke ist nicht nur traurig und eine Liebesgeschichte, sondern auch eine Geschichte über Macht, Besessenheit und Begierde. Ein Thriller, eine Parabel, eine Achterbahn der Gefühle, und – so seltsam es für ein Buch vielleicht klingen mag – ein musikalischer Hochgenuss.

Es ist eine frauenarme Familie, in der Orpheus und sein jüngerer Brüder Ari aufwachsen. Die Mutter verstarb bei Aris Geburt, die Großmutter Hera bleibt – bis auf einen entscheidenden Moment – unsichtbar. Der Vater vergeistigter Humanist. Der Onkel alternativer Bohemien, die einzige Bezugsperson für Orpheus und Ari als sie Kinder waren. Es sind die alten Männer, die diese Familie beherrschen. Orpheus Großvater hat ein Stahlimperium, die Großonkel haben sich mit Reedereien und Nachtclubs Meer und Unterwelt untereinander aufgeteilt. Mit strengem Regiment und ohne Skrupel führt Zeus sowohl Familie als auch Untergebene und Handlanger, ist sich aber nicht zu gut auch sich selbst die Hände schmutzig zu machen.

Die Parallelen zur griechischen Mythologie sind nicht zufällig sondern wohl platziert. Natürlich kann man dieses Buch auch lesen, ohne Ahnung von der griechischen Götterwelt zu haben, aber es bereitet ungemein mehr Vergnügen, die Zusammenhänge zu erkennen und zu analysieren. Ich habe sehr viel nebenher nachgelesen und dabei gelernt. Auch wenn man die Geschichte vom mythologischen Orpheus und seinem Bruder kennt, auch wenn man ahnt, was passiert, trifft es einen mit voller Wucht. Wie eine Raubkatze, die im Dunkeln nur auf den richtigen Moment wartet, springt dich die schreckliche Wirklichkeit an.

Jedes Kapitel ist musikalisch unterlegt, von der idyllischen Morgenstimmung zur Unheil dräuenden Cellosuite von SeBEASTian Bach, Zeitsprünge, magische Momente, vergangene Tage, unendliche Sehnsucht, besser kann man Emotionen nicht transportieren. Die Gefühle, die Orpheus für Nienke hat, seine große Liebe zu ihr, seine Verzweiflung, sie verloren zu haben, muten manchmal etwas pathetisch an. Wer wie Orpheus kaum zärtliche Zuneigung gekannt hat, wer über Gefühle nicht zu sprechen kommt, neigt im Extremfall wie eine Sprudelflasche unter Druck aufzuschäumen, überzugehen, brodelnd, explosiv. „Kummer ist ein hungriges Tier ohne Schlaf“, sagt Orpheus, in seinen Alpenträumen leidet er an Glückssucht. Denn ja, er sucht das Glück und für kurze Zeit hatte er es gefunden. So beginnt dieses Buch. Und so endet es.

„We’re just two lost souls
Swimming in a fish bowl
Year after year
Running over the same old ground
And how we found
The same old fears
Wish you were here“ (Songtext von Wish you were here; Pink Floyd)

(Mrs. Rabes Bookaccount)

Mit großer Wortgewalt, wunderschönen Bildern, ernüchternden Metaphern und einer unglaublichen Atmosphäre

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Meine Meinung

Ich habe das Buch vorab schon testlesen dürfen und war deswegen natürlich mächtig stolz. Im Vergleich zur ersten Rohfassung hatte sich auch wirklich wieder einiges getan, im positiven Sinne – ich habe die Lektüre wirklich genossen, und wer offen ist für einen anderen, besonderen Stil, der sollte sich „Orpheus“ wirklich mal anschauen.

Ich kann gar nicht sagen, in welches Genre ist das Buch stecken würde – es ist eine Mischung aus Roman, Krimi, Charakterstudie und Essay; auf jeden Fall ist es besonders, und gefallen hat mir, dass es im letzten Drittel dann auch richtig spannend wird und ich das Buch nur schlecht aus der Hand legen konnte. Die erste Hälfte dagegen glänzt nicht durch Spannung, sondern durch die Gedanken und die Wortwahl.

Wer schon „Briefe an die grüne Fee“ kennt, weiß um den außergewöhnlichen Schreibstil des Autors, und auch in diesem Buch erkennt man ihn gut wieder. Ich würde den Stil als blumig und lyrisch bezeichnen, dennoch aber auch direkt und auf den Punkt. An manchen Stellen ist er sehr schnörkelig, an anderen wieder eher plump und hart – es ist eine sehr besondere Mischung, die mich völlig eingenommen hat, in die ich abtauchen und in der ich mich suhlen konnte. Auf jeden Fall entsteht so eine besondere Atmosphäre – sie ist dicht und voll durch Beschreibungen und Metaphern; in manchen Passagen war mir das tatsächlich ein wenig zu viel. Es gibt an einigen Stellen viel zu verdauen und viel Stoff zum Nachdenken – nicht, dass die Geschichte schwer ist, aber die vielen Bilder und Metaphern haben mich immer wieder das Buch zuklappen lassen müssen, um sie sacken zu lassen. 

Die Idee der Geschichte ist klasse und auch nach Beenden habe ich noch lange drüber nachgedacht. Das Buch heißt nicht umsonst Orpheus, auch wenn es während des Lesens nicht immer offensichtlich war, warum der Titel so gewählt wurde. Am Ende aber gibt dann doch alles einen Sinn und der Kreis schließt sich zu einem runden Ganzen.

Die Charaktere sind alle gut durchdacht und der Autor nimmt sich Zeit, sie nacheinander vorzustellen. Sie sind alle stark und sehr authentisch – immer wieder habe ich mich gefragt, wie viel autobiographisches da drin steckt – denn die Charaktere wirken echt und wie aus dem Leben gegriffen. Stereotype findet man hier nicht, dafür aber richtige Charakterköpfe, die voller Ecken und Kanten stecken und damit unheimlich glaubhaft und lebendig erscheinen. 

Mich hat der Autor auch mit diesem Buch wieder packen können – es ist vor allem sein Stil, den ich unheimlich gerne mag; seine Wortgewalt, die Metaphern und diese dichte, einhüllende Atmosphäre machen das Buch zu etwas Besonderem – es ist sicherlich nicht für jeden geeignet und man sollte sich an schönen Stilen erfreuen können, dann aber erhält man eine wirklich berauschende Sammlung von Bildern, Beschreibungen und Handlungen.

Mein Fazit

Man sollte sich eine Leseprobe gönnen, ob man den Stil des Autors mag, denn der ist besonders mit großer Wortgewalt, wunderschönen Bildern, ernüchternden Metaphern und einer unglaublichen Atmosphäre – mag man das, erhält man eine interessante Mischung aus Roman, Charakterstudie und Krimi. An manchen Stellen war mir die Stimmung zu dicht, trotzdem habe ich die Lektüre genossen und empfehle sie auch gerne weiter, wenn man sich mal auf etwas anderes, Neues einlassen möchte. 

(Buchmomente)

Ein Buch wie ein  Grenzübertritt

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„Wären wir nicht reicher, wenn wir Grenzen durchbrächen?“ So schreibt es Orpheus in einem glühenden Liebesbrief an seine Nienke.

Selten habe ich ein Buch gelesen, das sich in allem so verdichtet an den Extremen bewegt.

Schon der erste kurze, prägnante Satz: „Wenn Stille wie ein Stein in Deinem Mund liegt.“ ist ein großer, ein starker Satz, der es in die Ruhmeshalle aller ersten Sätze schaffen kann. Salih Jamal legt dem Leser diesen Stein gerade zu in den eigenen Mund, und man spürt, dass er im Halse stecken bleiben wird.

Der Autor gönnt dem Leser keine Atempause und man fragt sich, ob dem Buch ein wenig mehr Ruhe gutgetan hätte.

Anderseits ist es gerade das was mich so richtiggehend an das Buch gekettet hat. Alles Überflüssige wurde weggelassen und dennoch oder gerade deshalb (?) schafft es Salih Jamal Stimmungen zu erzeugen, die einen richtiggehend packen und in das Buch hineinsaugen. So als ob man alles selbst miterleben würde, als ob man selbst Teil des Geschehens wäre – es beinahe körperlich spürt.

Orpheus Trauer und seine Verzweiflung. Eine Beschreibung wie er sich als Kind einnässt und wie er sich dabei fühlt. Die Hingabe seines Onkels Dino (Dionysos) an das Schöne, nur um dem Dunklem aus dem Weg zu gehen. Ein Kuss, der fast spürbar wird und eine Vergewaltigung, die so drastisch in nur ganz wenigen Sätzen verdichtet beschrieben wird. Zuletzt das herzzerreißende Ende.

Dabei nutzt der Autor neben seiner ganz eigenen Sprache, die so wunderschön und gleichzeitig so bodenlos sein kann, die Magie der Musik, die zu jeder Stimmung, in jedem Kapitel wie ein Brandbeschleuniger wirkt.

Das alles passt zu Orpheus. Schließlich dient die griechische Sage als Vorlage. Auch hier wird ja die Grenze zur Unterwelt überschritten, und auch hier geht es um Musik, Liebe und Tod. So wie es der Untertitel des Buches schon sagt.

Aktuell gibt es das Shakespeare Projekt im Knaus Verlag. Hier werden die alten Stücke von Autoren (Nesbo, Atwood, Chevalier) in die Gegenwartsliteratur gebracht. Salih Jamal hat das mit der griechischen Mythologie gemacht.

Für mich ein großartiges und sehr eigenes Buch das mich auf seltsame Weise angefasst hat.

(SAFRAN)

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