Leseprobe

Was aus Liebe getan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse.

Friedrich Wilhelm Nietzsche

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FRÄULEIN MEIER

Die Geräusche des Weinfestes verklangen mit jedem Meter, den er den Nachhauseweg entlangschlenderte. Nach dem heißen Sommertag hauchte der Abend eine wohltuende Milde über die Stadt.  Friedvoll und mit einer süßen Melancholie erhellten die Sterne Stück für Stück des unendlichen Firmamentes, so dass gleichzeitig die Sanftmut und die Schwermut in ihn hineintropften und drohten, dort überzulaufen.

Die meisten Häuser, an denen er vorbeikam, waren zu der späten Stunde schon dunkel, und nur vereinzelt konnte er durch die noch erleuchteten Fenster einen heimlichen und flüchtigen Blick auf die Wohnungen und in die Leben dieser unbekannten Menschen werfen.

Schließlich kam er zu einer der kleinen kniehohen Mauern, die so manchen Vorgarten der Häuser in dieser Gegend einfriedeten. Er setzte sich und stellte das Glas Rotwein, welches er als Wegzehrung vom Fest mitgenommen hatte, neben sich auf den kleinen Backsteinsims.

Was für ein Wein es war und aus welcher Gegend er kam, wusste er nicht mehr so genau, aber seine Farbe schimmerte im Mondlicht rubinrot und geheimnisvoll. Er schmeckte geschmeidig und samtig. Die Textur war dennoch fruchtig, so dass er ihn gut und viel zu schnell trinken konnte.  Er hatte schon auf dem Fest zwei bis drei Gläser von diesem, und an weiteren Ständen auch von anderen Weinen gekostet.

Seine Frau hatte das Weinfest schon lange vor ihm verlassen. Weil er trotz des fortschreitenden Abends noch nicht genug hatte. Weil er lieber noch eine ausgelassene Runde bestellen wollte. Weil sie schon seit 27 Jahren verheiratet waren. Weil er von Glas zu Glas weinseliger, einsilbiger, betrübter und trotziger wurde. Weil sie ohnehin schon seit Jahren nicht mehr viel miteinander anfangen konnten. Damals, als sie sich kennenlernten, war ihre Liebe noch klar, rein und neugierig. Doch nach Jahren offenbarte der Alltag seine Ungeduld und die kleinen persönlichen Fluchten wurden Tag um Tag und Glas um Glas zu einem ganzen Meer an Fremdheit, Einsamkeit und Schweigen.

Er war Lohnbuchhalter in einem kleinen Betrieb für Eisenwaren, bei dem er kurz nach der Hochzeit anheuerte. Meike, seine Frau, die nicht nur, wenn sie Schuhe mit Absätzen trug, einen halben Kopf größer als er war, war die mittlere Tochter des Reifenhändlers in ihrem Städtchen gewesen. Er war ein Einzelkind, welches nie lange für irgendwelche Wünsche kämpfen musste und entsprechend verhätschelt und verwöhnt heranwuchs. Obwohl er es in seinem Beruf mit eintönigen und immer wiederkehrenden Zahlen und Tabellen zu tun hatte, war er ein Tagträumer, dem trotz seiner gelegentlichen Schwermut eine gewisse Leichtigkeit umgab. Er konnte sich noch hingeben – und sei es für Bilanzen oder für roten Wein, den er in den letzten Jahren immer öfter trank. Seine Frau war nie sonderlich an Hingabe interessiert. Wenn sie sich liebten, war es ein maschineller Akt. Eine mathematische Gleichung, die zum erwünschten Ergebnis führte, wenn sie es entweder so oder andersherum in einem ganz bestimmten Winkel miteinander taten. Sie bestimmte, wann und wie oft. Aber daran erinnerte er sich nicht mehr genau. Heute bestimmte sie überhaupt alles: was es zum Essen gab, wohin sie in Urlaub fuhren und welches Sakko er trug. Früher empfand er die Entscheidungen seiner Frau als liebgemeinte Vorschläge und als Interesse an ihm. Es schmeichelte ihm, dass sie ihm die Dinge aus der Hand nahm und er sich so ungehindert seinen Momenten der Muße zuwenden konnte. Er genoss den Tee, den er jeden Morgen im Bademantel hinter seiner Terrassentür, seinen Garten betrachtend, schlürfte. Er mochte den frühen Sonnenaufgang genauso wie das späte Abendlicht. Wichtig dabei war ihm die Ruhe. Die Lautlosigkeit seiner Frau, die, wenn sie schlief, allenfalls etwas schnarchte, aber nichts zu ihm sagte. Das waren schöne und einsame Stunden.

Neben den sonntäglichen Kirchgängen, dem alljährlichen Wohltätigkeitsball und der großen Jagd im September hatten sie nicht mehr viel gemein. Die Jagd hasste er am meisten.

Während seine Frau und die anderen zum Halali bliesen und am Ende des Tages ein unschuldiges Rotwild aus der Decke schlugen, versuchte er das Jagen als einen Waldspaziergang in der schönen Natur zu betrachten. Die getöteten Tiere taten ihm irgendwie leid. Er mochte dieses grausame und kalte Geräusch, wenn eine Flinte durchgeladen wurde, nicht besonders. Dieses mechanische Klicken des Gewehrs, das vor dem Donner und dem nachfolgenden Blitz des Schusses als letzte Warnung vor dem Tot klang, ließ ihn frösteln und er bekam immer eine Gänsehaut. Wenn ein Tier dieses Klicken mit seinen feinen Ohren rechtzeitig wahrnahm, dann konnte es entkommen. Er verabscheute die Jagd, auf die er mitkommen musste. Aber er mochte den Wald.

Er erinnerte sich noch gut daran, als ihn seine Frau nach dem ersten gemeinsamen Jagdwochenende, unbemerkt vor den anderen, abends als Versager, Weichling und Männlein beschimpfte, weil er sich übergeben hatte, während die Jagdgesellschaft eine frisch geschossene Wildsau aufgebrochen hatte und der Geruch und das Bild der herausgelassenen Innereien in ihm große Übelkeit hervorriefen. Trotz allem wusste er jedoch einen guten Braten an dunkler, kräftiger Soße sehr zu schätzen. Er liebte den Müßiggang und die kleinen Dinge, in denen so oft Schönheit steckt, und er störte sich nicht besonders an den Widerständen, die ihm das Leben bot.

Jetzt saß er allein auf der kleinen Mauer und es war eine aromatische, weiche und sternenklare Nacht. Der Duft von gemähtem Heu wehte von den nahen Feldern herüber. Er erfreute sich an dem kleinen Hauch des Abendwindes, obgleich er den Eindruck hatte, dass zu vorgerückter Stunde die Luft etwas kälter wurde. Der Geist des Weines ergriff immer mehr Besitz über seinen Verstand, der gleichzeitig betrübt und aufgewühlt war. Er war betrübt wegen seiner Einsamkeit, wegen der Kälte seiner Frau, die er einmal so sehr geliebt hatte. Er war aufgewühlt wegen Fräulein Meier.

Johanna Meier. Sie arbeitete nun schon seit zwei Jahren in der Auftragsverwaltung. Zwei Zimmer entfernt in einem Großraumbüro. Einmal waren sie in der Teeküche zusammengestoßen und er hatte ein Glas warmer Milch in ihren Schoß geschüttet. Unbeholfen standen sie beide da. Einen winzigen Moment, ganz nah, so dass er die kleinen, fast durchsichtigen Haare an ihrem Nacken betrachten konnte. Sie roch ganz zart nach Aprikose, Honig und jetzt nach warmer Milch. Umständlich wischte er mit seinem Einstecktuch über ihre Hüfte, über den glatten und seidigen Stoff ihres knielangen Rocks. Er fühlte ihr Bein. Dabei blickte er auf ihre Unterschenkel, die in kleinen weißen Söckchen und schwarzen Ballerinas mündeten. Mit einer Entschuldigung löste sie sich aus der Situation; sie schenkte ihm ein verlegenes Lächeln, neigte ihren Kopf zur Seite und eilte davon.

Seitdem brannte er lichterloh! Insgeheim hatte er schon immer ein Auge auf Fräulein Meier geworfen, jedoch stand ihm nie der Sinn danach, seine Frau zu betrügen. Zumindest nicht mit einer anderen Frau. Das Geld, das er ihr heimlich stahl, oder seine Trinkerei, in die er gerutscht war, sah er nicht als Betrug. Für ihn war das der Weg des geringsten Widerstands. Er hatte sich zwar in den letzten Jahren immer öfter gewünscht, dass sie eines Tages einfach fort wäre, wenn er nach Hause käme. Oder, dass sie irgendwie gestorben wäre. Aber von sich aus hätte er sie niemals betrogen oder gar verlassen. Das traute er sich nicht.

Doch jetzt gab es Fräulein Meier! Fräulein Meier war 28 Jahre alt, alleinstehend. Sie wohnte in der Blütengasse 7. Nach ihrer Ausbildung bei einem anderen Unternehmen in einer entfernten Stadt, nahm sie eine Stelle in dem Eisenwarenladen an, in dem er schon sein halbes Leben als Lohnbuchhalter angestellt war. Fräulein Meier war Waise und hatte keine Geschwister. Sie war allein, und er fragte sich, ob sie wohl einsam war. Nie wurde sie von Bekannten oder gar einem Mann abgeholt. Er hörte sie auch nie telefonieren. Jedenfalls nicht privat.  Sie erhielt für 40 Stunden Arbeit einen monatlichen Lohn, der so gerade ausreichte und sicherlich keine großen Sprünge erlaubte.

Er wusste das alles, weil er ja in der Lohnbuchhaltung arbeitete und er ihre Personalakte genau kannte. Er hatte sich sogar zum Diebstahl ihres kleinen Passfotos, welches mit einer Büroklammer an ihrem Lebenslauf befestigt war, hinreißen lassen. Es könnte ja genauso gut aus Versehen aus der Mappe herausgefallen sein. Niemand würde danach fragen. Er versteckte es in seinem Portemonnaie, welches eine kleine Geheimtasche hatte. Bei jeder sicheren Gelegenheit betrachtete er es heimlich und liebevoll. Manchmal roch er sogar an dem Bild und streichelte es behutsam mit seiner Fingerkuppe.

Jedes Mal, wenn sie sich begegneten, wurde er verlegen und außer einem Kopfnicken oder einem kurzen Gruß brachte er nichts weiter zustande. Dennoch konnte er am Morgen kaum erwarten, dass sie um Punkt 12 Uhr in die Kantine ging. Dann konnte er auch zu Tisch. Er saß natürlich an einem anderen Platz in sicherer Entfernung. Er malte sich aus, wie sie gemeinsam in einer ärmlichen Küche stehen würden, selig voneinander angetan, und gemeinsam ein Liebesmahl zubereiten würden. Wie sie miteinander ungezwungen lachten, sich liebkosten und wie die Welt ganz schwerelos wäre.

Durch den Wein, der ihn sanft wiegte, war die Welt jetzt auch schwerelos. Hier auf der Mauer, in der sich abkühlenden Sommernacht. Wie gerne würde er jetzt nach Hause gehen. Zu ihr! Aber er musste bald in sein eigenes Haus. Er wollte diesen schönen Abend nicht beenden.  Trotz kroch in ihm hoch, und zum ersten Mal hegte er Mordgedanken.  Dann wäre er frei und er müsste nicht mehr warten. Doch so schnell, wie diese Bilder kamen, so verschwanden sie auch, und sie wurden durch das Lächeln von Johanna Meier ersetzt

Er trank den Rest seines Weins und kramte nach seinem Telefon. Schon oft hatte er ihre Nummer gewählt, um ihre Stimme zu hören. Um ihr seine Liebe zu gestehen, um ihr nah zu sein. Doch jedes Mal, wenn sie sich am anderen Ende der Leitung ganz nüchtern mit „Meier“ meldete, verließ ihn der Mut und er legte schnell wieder auf.  Er schämte sich dafür, aber er konnte nicht anders.

Heute Nacht würde er es schaffen. Vielleicht. Er suchte in den Einträgen seines Telefonbuches unter „M“ wie Meier ihre private Nummer, die er der Personalakte entnommen hatte. Er drückte die Nummer, und es dauerte eine kleine Sekunde, bis das Tuten erklang.  Ein Auto fuhr etwas zu schnell über die Straße und im Lichtkegel der Scheinwerfer, die ihn anstrahlten, fühlte er sich ertappt und schuldig.  „Mei…“, verstand er, als das Motorengeräusch des Autos hinter einer Ecke verschwunden war und sich die Stille der Nacht wieder einpegelte. Er stockte einen Moment. Sie war noch wach. Ob sie gerade ein Buch gelesen hatte? Nach weiteren unendlichen Sekunden schüttelte ihn verzweifelter Mut. Er legte nicht hastig auf, so wie er es sonst tat. Heute musste es endlich raus.

Seine Frau war nach dem kurzen und unerfreulichen Besuch des Weinfestes schon seit einigen Stunden zu Hause. Sie war in einem Buch vertieft. Jedoch drangen die Seiten nicht in ihr Bewusstsein, weil sie sich über ihren Mann ärgerte. Dieser Taugenichts!  Damals, als sie sich kennenlernten, war es seine Leichtheit, die sie so faszinierte. Doch dann entpuppte sich seine Ungezwungenheit als Bequemlichkeit. Konnte er sich doch zurücklehnen und von der Sicherheit, die sie und der Reifenhandel ihres Vaters ihm boten, sorglos zehren, ohne je einen Hauch von Verantwortung übernommen zu haben. Das Haus, die teuren Reisen, seine Anzüge. Nichts was er je dazu beigesteuert hätte. Sie wusste um seine kleinen Betrügereien und auch um das Geld, das hin und wieder fehlte.  Immer wieder hatte sie versucht, ihn in das gesellschaftliche Leben zu integrieren, auch wenn sie ihn schon längst nicht mehr liebte. Die Empfänge, die Jagd oder der Besuch des Weinfestes – jedes Mal endete es für alle Seiten peinlich. Entweder musste er sich vor allen anderen übergeben, wie damals bei ihrer ersten Jagd. Oder er entzog sich und markierte den Sonderling. In letzter Zeit war er darüber hinaus oft betrunken. Dann zeigte er seine widerspenstige Seite. Er war ihr mehr als ein Klotz am Bein. Er stellte sie bloß. Das heimliche Mitleid ihrer Schwestern empfand sie als tiefe Schande.

Das Telefon klingelte, doch sie war nicht in der Stimmung, sich jetzt von einer ihrer Schwestern anhören zu müssen, wie peinlich ihr Gatte auf dem Weinfest gewesen war. Mit schief geknöpftem Hemd und mit nassen Flecken auf seiner Hose.  Sie hasste es, von ihm von Jahr zu Jahr immer mehr brüskiert zu werden. Eine Scheidung kam in der kleinen Stadt ohnehin nicht in Frage. Auch wegen der Ansprüche war das keine Option. Schließlich stand ihm die Hälfte zu.

Der Anrufbeantworter sprang an. Es war nicht eine ihrer Schwestern. Stattdessen hörte sie den Atem und die lallenden Worte ihres Mannes. Vermutlich wollte er wieder eine seiner Lügen vortragen, weshalb er noch etwas länger auf dem Weinfest bleiben musste. Wenn sie schon nicht mit einer ihrer Schwestern sprechen wollte, mit ihrem Mann wollte sie, so in diesem Zustand, schon gar nicht sprechen. Vermutlich würde er gleich einhängen und sich zu später Stunde nachts nach Hause schleichen.

Fräulein Meier hatte außer ihrem Namen noch nichts gesagt und schwieg. Er wartete noch einige zeitlose Sekunden und atmete schwer. Dann nahm er allen weingeschwängerten Mut und seine stürmende Zuneigung zusammen, und gestand ihr die tiefste Liebe, die er je gefühlt hatte. Dass er sie verehre und auf Händen tragen würde und er ihr jeden Wunsch von den Augen ablesen würde. Er bete sie an. Er umschrieb die Ebenmäßigkeit ihres Antlitzes von äußerster Feinheit, geschliffen wie aus Porzellan und glatt wie der Kieselstein eines Bergbaches. Ihre vollkommene Makellosigkeit. Nase, Mund, Wangen und Stirn – alles befände sich in vollkommenen Einklang. Ihre seidenglatten Schenkel, die er an ihren Innenseiten zärtlich küssen würde.

Er würde sich von seiner kalten und lieblosen Frau noch heute Nacht trennen, damit sie beide ein neues, eigenes und richtiges Glück beginnen könnten. Er könne sofort, nachdem er zu Hause das Wesentliche gepackt und seine Frau für immer verlassen hätte, bei ihr vorbeikommen. Er war euphorisiert. Er verspürte einen Drang, der sein Herz umfasste und fest nach seiner Seele griff, so dass sie aus der Enge seiner Brust heraussprang und seinen Körper vollständig ausfüllte.

Er verabschiedete sich mit: „Bis später, Liebste. Warten Sie auf mich. Mein liebstes Fräulein Meier.“ Dann legte er auf.

Der Nachthimmel zog sich zu und die Luft wurde noch ein wenig kälter. Eilig zog es ihn nach Hause. Ein letzter Weg. Dann wäre er frei. Der Himmel hatte die Wolken vor die Sterne geschoben. Er knöpfte die Jacke zu und beeilte sich. Er würde seine Frau mit ihren vorwurfsvollen Augen im Flur stehen lassen und ein neues Leben beginnen. Ein echtes Leben.

Seine Frau hatte alles mitgehört. Sie ging in den Keller und tat das Nötigste, da sie ja jeden Moment ihren Mann im Hausflur erwartete.

Die Nacht hatte alles Licht gefressen und hauchte einen kalten Atem durch die Bäume und über seine Haare. Es regnete kleine Tropfen. Mutig bog er im Laufschritt um die Ecke zu seinem Haus. Es war dunkel, und mit Eile und Ungeduld führte er seinen Schlüssel ein letztes Mal in das Schloss seiner Haustüre.

Dann hörte er in der Stille der Nacht dieses kalte, mechanische Klicken. Er schaute auf. Er sah einen Blitz, dann wurde es schwarz und sein Gesicht spritzte in die Dunkelheit.


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